Dienstag, 13. September 2016

Europas Retter. Von Zäunen und Schnitten

Das EU-Narrenrennen nimmt, in gehörigem zeitlichem Abstand zum Brexit-Votum, wieder Fahrt auf. In einem Welt-Interview forderte der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn den vorübergehenden oder notfalls endgültigen Ausschluss Ungarns aus der EU. Der Zaun, den Ungarn baue, um Flüchtlinge abzuhalten, werde immer länger, höher und gefährlicher. Ungarn sei nicht mehr weit weg vom Schießbefehl gegen Flüchtlinge. Um dem zu begegnen, sollte nach seiner Vorstellung, möglichst mit tätiger Beihilfe der Ungarn, der EU-Vertrag geändert werden, damit die lästige Einstimmigkeit endlich vom Tisch kommt, ohne die in puncto Rauswurf nichts geht.
Nicht schlecht! Dazu ein Zitat aus dem Luxemburger Wort vom 8. März 2016: »Die Anzahl der gestellten Asylanträge ist im Februar im Vergleich zum Vormonat deutlich zurückgegangen. Beantragten im Januar 245 Menschen im Großherzogtum internationalen Schutz, waren es im Februar etwa halb so viele Personen.« Das folgende Zitat hat nur indirekt mit dem Großherzogtum, umso mehr mit Europa zu tun: »Um Flüchtlinge davon abzuhalten, im nordfranzösischen Calais auf Lastwagen nach Großbritannien zu gelangen, soll der Hafenzubringer demnächst mit einer Mauer abgeschirmt werden. Das kündigte der britische Staatssekretär für Inneres, Robert Goodwill, bei einer Sitzung des Innenausschusses im britischen Parlament an. ›Wir werden sehr bald damit anfangen, diese Mauer zu bauen. Wir haben die Zäune gemacht, jetzt kommt die Mauer‹, sagte er bei der Sitzung am Dienstag. Nach Angaben aus Paris hat London seit 2014 bereits 100 Millionen Euro für Sicherungsmaßnahmen am Hafen und am Ärmelkanaltunnel bereitgestellt. Das einen Kilometer lange und vier Meter hohe Bauwerk soll das als ›Dschungel von Calais‹ bekannte Flüchtlingslager von der Zufahrtsstraße abschirmen und rund 2,4 Millionen Euro kosten. Vereinbart wurde der Bau der Mauer bereits im März, die Arbeiten sollen Ende des Jahres abgeschlossen sein, teilte das britische Innenministerium mit.« (VerkehrsRundschau vom 7. September 2016) Im ›Dschungel von Calais‹ leben gegenwärtig laut Wikipedia geschätzt etwa 9-10.000 Flüchtlinge aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea, Äthiopien, Sudan und Syrien, deren einziges erklärtes Ziel die Einreise nach Großbritannien darstellt. – Drittes Zitat: »Die Grenzzäune in Ceuta und Melilla sind inzwischen sechs Meter hoch. Kilometerlang schotten sie Spanien vom Rest von Afrika ab. Selbst auf der marokkanischen Seite gibt es inzwischen einen gut zwei Meter hohen dritten Zaun, zumindest in Melilla. Jedes Jahr versuchen tausende Menschen aus Schwarzafrika, die Zäune zu überklettern. Viele verletzen sich dabei lebensgefährlich, Knochenbrüche durch Stürze und Schnittwunden von den messerscharfen Klingen an der Zaunspitze sind eher die Regel als die Ausnahme.« (Deutschlandradio Kultur vom 21. 10. 2015)
Mehr davon?
Man ist geneigt, dem ungarischen Außenminister nicht bedingungslos zu widersprechen, der seinen Kollegen postwendend als ›Hohlkopf‹ titulierte. Praktisch wäre es immerhin, die Anteilseigner wandelten das Europa der Römischen Verträge in eine Briefkastenfirma mit Sitz im Großherzogtum um und ließen die Visegrád-Habenichtse (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn) mitsamt den Arbeitspopulationen West- und Mitteleuropas gleich außen vor, was immer das heißen mag. Als Gemeinschaftsemblem des neu gegründeten Unternehmens sollte das Großluxemburgische Narrenwappen mit goldenem Doppelgreif über rot-schwarzer Löwengrube im weißen Barmherzigkeitsmantel auf allen Geschäftspapieren der Union prangen: endlich ein zugkräftiges Symbol, das nicht länger durch Sterngucker und Hartwährungs-Freaks fehlinterpretiert werden kann!
Auch die Kölner wären glücklich. Von der Last befreit, die Narrenmetropole Europas zu mimen, könnten sie sich während der nächsten zwei Jahrzehnte der Dampfreinigung ihres Bahnhofsvorplatzes widmen und den heißgeliebten Dom zum Fernbahnhof ausbauen, der in den Hirten- und Hintergedanken ihres geradspornigen Kardinals schon lange herumgeistert. Die Strecke Köln – Luxemburg: ein Katzensprung. Es sei denn ... es sei denn, die Jecken hielten den monumentalen Gotteskasten eisern besetzt bis zum Tage der Wiederkunft des Herrn. Alaaf!
Ungarns Regierungschef Orbán, der nicht so lang warten möchte, hat mehrfach Europas Hofnarren den Krieg erklärt, ohne auf mehr zu stoßen als auf taube Ohren. Das ist schade, denn der Ministerpräsident, ein vorzüglicher Redner, verdient es keineswegs, dass seine Auftritte eilfertig von notorischen Gedanken- und Sprachverkrüpplern überschrieben werden, bevor die ersten Übersetzungen eintreffen. Auch im deutsch-luxemburgisch-ungarischen Medienkrieg gilt, wie stets: Recherchiere die Anteilseigner! Das geht schnell und lässt kein Auge trocken. Europa ist Herzenssache und Macht ist ... sagen wir ... eine Sache der Konzentration. Wie hieß es im Deutschland der frühen 90er Jahre? »Die Mauer in den Köpfen muss weg.« Diese Mauer trägt heute die Namen von Medienkonzernen, wer immer sie einzureißen versuchte, er bekäme rasch eine gehörige Ahnung davon, wie moderne Selbstschussanlagen in der Wissensgesellschaft ihren Dienst erfüllen.
Genug davon!
Herr Orbán sagt… Was sagt er denn? Er sagt – in Bezug auf die Brüsseler Regelungen in Sachen Umverteilung, Obergrenze und Familiennachzug von Flüchtlingen –: In einer Zeit, in der sich in der Welt Veränderungen mit gravierenden Auswirkungen auf Europa und Ungarn vollziehen, haben wir Europäer noch keine Entscheidung darüber gefällt, was wir zu tun gedenken. Wir müssen die Frage beantworten, ob wir Nationen bleiben oder Europa vereinigen wollen. Wir müssen uns entscheiden, ob wir Familien und Kinder wünschen oder ob wir unfähig sind, zwischen Mann und Frau zu unterscheiden. Und jetzt, anlässlich des sechzigjährigen Jubiläums der Römischen Verträge, müssen wir die Frage beantworten: Besitzen wir überhaupt gemeinsame Werte?
Das, wofür unsere heutigen Gegner stehen, hat nichts mit den Ideen der großen Vorgänger-Europäer gemein. Was sie repräsentieren, ist purer Nihilismus – ein Nihilismus, der sich der Welt und der europäischen Institutionen zu bemächtigen anschickt. Vertreten wird er durch Leute wie Juncker, Verhofstadt und Schulz. Wie István Csurka einst über den Bund freier Demokraten sagte (womit er präzise den Punkt traf): diese Leute wollen keine Wahlen gewinnen, sie wollen die Jury sein – genauso hat die nihilistische Elite im System der europäischen Institutionen sich in die Position der Jury begeben. Sie verhindern die Diskussion über Werte zugunsten politisch korrekter Lügen… Es mag befremdlich klingen, aber das britische Ausscheiden aus der EU beschert uns eine ausgezeichnete Gelegenheit darüber nachzudenken, welche Art Elite von einem Land mit 65 Millionen Bürgern zurückgewiesen wurde. (frei wiedergegeben nach: The Budapest Beacon, 12. September 2016)
Er sagt in dieser Rede noch mancherlei, der Herr Orbán, dem man eine gelenkte Presse zum Vorwurf macht, darunter wenig Schmeichelhaftes über deutsche Meinungsfreiheit im Jahre 2016, vor allem aber macht er klar, dass die Hinauswurf-Zeiten in Europa ein für allemal vorbei sind. Dieses Land ist Europa, nicht weniger als das winzige Luxemburg, nicht weniger als das leadership-süchtige Deutschland, nicht weniger als die allzu selbstsicheren Verwalter von Visionen, die vor allem durch das Schielen nach immerwährenden Pfründen zustande kommen, während die Zahl der Gläubigen in allen Ländern der Union unter die Schmerzgrenze fällt. Wer glaubt, es handle sich um ein lästiges Insekt, das sich bequem abschütteln lässt, wird umdenken müssen. Wer Europa will, muss sich darauf einlassen, dass es existiert.

Freitag, 26. August 2016

Um ein Haar

Um ein Haar – ich sage nicht welches –! um ein Haar sage ich. Also gut. Ich den Türgriff noch in der Hand, da, der Anblick: drei Mädels, Eva, Meryam, Alva, zwei Jungs, Ben, Botho, ich sag, ich geh eine Zigarette rauchen, wenn ich wiederkomm, ist der Dreck weg, mal schnell in die Tonne, ihr wisst, wo sie steht. Geh dann doch nicht, etwas im Blick der Göre, flackernd, zorn- wie heiligmäßig, irgendwas stimmt da nicht, ich, anderen Ton anschlagend, nachfassend, beinah hüftig: Wasn los? Sie, ausspuckend fast: Sieht man doch.
Ich, also: Zeigs mir! Gewagt irgendwie, Lehrer-Speech eben. Aber wie immer: gewonnen. Eichentrieb, erdentwachsen, zart, kraftvoll, hat man nicht alle Tage im Klassenzimmer. Mollig eingewickelt in Buntkram, glitzrick, drieber die Köpfe. Zart, heiligmäßig. Und alle fünf: Geht nich. – Was geht nich? – Wechmachn. – Wie? Nich wechmachn? – Geht nich. Is ne Wotans-Eiche. Muss bleiben. Ich: Jetz is Mathe. Kein Deutschkram. – Is kein Deutschkram. – Wiesodattnnich? – Is Religion. – Wollt ihr mich vergackeiern? Wech mit dem Zeug.
Keusch die Mädels, jedenfalls im Moment. Reißen die Augen auf. Wir sind Wotansjungfrauen. Geweiht, wennses wissen wolln. – Nee, will ich nich. Kinder hört auf, sonst gehts rüber zum Rektor. Wegen NS-Ideologie. Lebensborn oder so. Ihr wisst schon. Also schön brav jetz...
Tasche vorgesetzt, Autoritäts-Pose, nicht zu stark, nicht machomäßig, eher gekonnt. Baun sich die Jungs auf. Was wollen die denn jetzt? Riecht nach Standpauke. Kommt auch, aber von denen: Wotan steht für Gerechtigkeit. Über den schrecklichen Missbrauch, den die Arischen damit treiben. Die praktisch keine Ahnung hätten. Dass sie das nicht länger hinnehmen wollten. Wotan gehört zu Deutschland. Dafür würden sie kämpfn.
Ich: Kämpfn?
Sie: Ne, nich wie Sie meinen. Unser-Kampf-is-gewaltlos. Allein durch die Kraft des Glaubens.
Ich: Wie durch die Kraft?
Soll fassungslos klingen, drohender Unterton, glatt verpufft.
Sie: Wern wir siegn.
Ich: Soso. Siegn wollt ihr? Wo solln das stattfinden? Hier in der Schule?
Misstrauen, ganz recht, immer, überall. Sonst isch over.
Sie: WasndasfürnQuatsch. Wer redetn von Schule? Inner Gesellschaft natürlich.
Ich: Passt mal auf Jungs. Wir sind hier aber nich in Meckpomm.
Sie: Wotan steht für Gerechtigkeit. Unser Glaube-macht-uns-stark-und-gerecht. Wir-fordern-Respekt-für-unsern-Glauben. GG Art 4 eins plus zwei. Müssn wir das jetz aufsagen?
Ich: Nachher. Jetz is Mathe.
Sie: Dann is gut.
Ich: Nichts is gut. Das Ding verschwindet hier, aber dalli.  
Ja in der Tiefe brodelt es oft. Müsste mal damit zum Arzt.
Das fällt dir jetzt ein.
Die Mädels, denen fällt immer was ein: Is eine Kultreligion. Wir ham das nachgeschaut. Hier, also hier, also wir meinen, hier: also wo jetz die Schule, also das Klassenzimmer, also die Schule, da stand schon mal, also das stimmt jetz einfach – Was stand hier? – Eine Wotans-Eiche. Also das stimmt jetz wirklich. Das müssn Sie uns glaubn. Wir können das beweisen. – Und weil hier schon einmal … eine Wotans-Eiche … so ein Ding…? – Genau. Das isso eine Art magischer Wiederkehr. Das gibts praktisch bei jeder Religion. Isso.
Ich: Was wisstn ihr überhaupt über Wotan?
Sie: Das meiste schon. Zum Beispiel Fricka.
Ich: Wie Fricka? Is nich euer Ernst.
Sie: Doch, das is unser Ernst. Fricka war voll die emanzipierte Frau.
Ich: Aha. Kann man so sagen, ja. Wenn man will. Muss man nicht.
Sie: Also kommen Sie. Sie können auch mal was zugeben.
Ich: Der hatte aber noch andere. Kennt ihr die auch?
Sie: Alle.
Ich: Und? Stört euch das nich?
Sie: Ach wie süß. Die prüde Tour, hätte man sich ja denken können. Nur Mathe is schöner. Kommen Sie. Das nimmt Ihnen eh keiner ab.
Ich: Und die Walküren?
Sie: Gleichberechtigte Kämpferinnen.
Das reicht. Schluss mit lustig.
Ich: Satansbraten.
Sie: Also das kann doch nicht wahr sein. Sind Sie meschugge? Die christliche Nummer, das dürfen Sie gar nich.
Bravo. Artikuliert. Wissen um ihre Rechte.
Ich: Bewahre. Also ihr glaubt jetzt alle an Wotan? Gut. Gut. Gewonnen. Und was glaubt ihr, was ihr da glaubt? Glaubt ihr jetz, dass alles stimmt, was in der Edda steht? Wort-für-Wort? Und dass ihr jetz danach leben müsst? Gehts noch?
Sie: Genau.
Ich: Und Loki und Baldur und Hel und Saga und Hönir und Thor, das ganze Vornamenregister rauf und runter: daran glaubt ihr jetz auch? Seid ihr eigentlich bei Trost?
Nicht direkt einfühlsam, aber angemessen.
Sie, alle drei, gleichzeitig, brechen in Weinen aus. Das-ist-jetzt-ungerecht. Ich-verletze-ihre-religiösen-Gefühle. Schlimm. Sehr schlimm. Maßlos-schlimm. Stimmt das? Müsste ich nachrechnen. Später. Jetzt aber: Wie komme ich da raus? Klassenzimmer sind weltanschaulich neutral. Hier dürfen keine religiösen Symbole rumstehen! Basta. Ende der Ansage. – Is kein Symbol. – Was dann? – Eine Eiche. – Also gut, eine Wotans-Eiche. Eiche kann drinbleiben, Wotan fliegt raus. Eiche ohne Wotan is Quatsch, fliegt also auch raus. – Nee. Soeinfachisdasnich.
Ach die Jungs. Immer per due, die Kleinen. Scheinen nicht anders zu können. Woran erinnert? Cave. Nicht abschweifen, nie, zero Phantasie. Die können mich mal. Mehrmals. Also, Spieß umgedreht, locker gefragt: Und wie gedenkt ihr das Problem zu lösen? Wer mir eine Lösung bietet, dem wird die Hausaufgabe erlassen.
So gehts.
Nur so gehts.
Wieder die Mädels. Meryam, die mit dem Pferdeschwanz, vortretend, tänzelnd: Ach da fällt uns was ein. Frau Ekbaz – ah, die junge Kollegin! –, also die kommt jetz immer mit Burka in die Schule. Muss sie hier ablegen, wegens weltanschaulich neutral und so. – Und? – Mit der ham-wir-geredet. – Und? – Sie hängt ihr Dingsda über die Eiche. Hat sie gesagt. Also wenn sie das sagt… – Was? – Dann ham wir damit kein Problem. Wotan kanns verkraften.

*

Soweit die Aufzeichnungen des Lehrers Christoph Querenfeld. Ich füge die Ergänzung nachträglich an, weil sich unter den Lesern der Eindruck zu verfestigen scheint, der Autor dieser ambitionierten Zeilen sei ich. Was nicht der Fall ist. Siebgeber.

Samstag, 20. August 2016

Niqab oder Hidschab?

Passantengespräch. Berlin-Wilmersdorf, 19. 8. 2016

»CDU raus aus dem Bundestag, Selbstauflösung, Nirwana. Wer das nicht begreift, der hat das Parteiensystem nicht begriffen.«
»Meinen Sie? Der Platzhirsch sollte sich…? Einfach in Luft...?«
»So ist es. Eine Partei muss verschwinden. Die Merkel-Partei steht für nichts, also muss sie verschwinden. Jedenfalls wäre es für alle das Beste.«
»Wofür, meinen Sie, steht die SPD?«
»Die SPD steht für eine Partei, die verlorengegangen ist und wiederbelebt werden sollte.«
»Also für die SPD.«
»So ungefähr.«
»Wieviel Stimmen geben Sie der AfD? Kann sie die CDU beerben?«
»Die AfD beerbt niemanden. Die AfD ist eine Kreatur, dazu bestimmt, der Kanzlerin das Regieren zu erleichtern.«
»Dass sie ihr Raum gegeben hat, sagen viele.«
»Sie hat ihr Platz gemacht, sie hat ihr die Parolen in die Hand gedrückt, sie hat ihr eine Aufgabe zugewiesen. Und sie gibt ihr die Existenzberechtigung.«
»Wieso das denn?«
»Wer Positionen ausspricht, die von den sogenannten weiten Kreisen geteilt werden, besitzt eine gewisse Existenzberechtigung.«
»Jedenfalls, wenn die anderen sich nicht an sie herantrauen.«
»Gehen wir zurück: Die AfD war eine brave Anti-Euro-Partei mit einem Schuss Professoren-Redseligkeit. Man kann das heute noch bei den Alfa-Leuten beobachten, die keiner mehr zur Kenntnis nimmt. Die AfD wurde komplett umgedreht. Da sind Leute am Ruder, die wollen ihr Land zurück. Stellen Sie sich vor: das in einer Demokratie. Wo kommen wir da hin?«
»Nach Sachsenhausen?«
»Lassen Sie’s gut sein. Das ist billige Polemik. Die AfD hat die Aufgabe, die restlichen Parteien im Stimmenspektrum der Republik so zusammenzuschieben, dass keine Partei, die regieren will, an der Kanzlerin vorbeikommt. Das ist übrigens der wahre Sinn der Behauptung, es gebe keine Alternative.«
»Ach. Sehen Sie eine?«
»In der Politik gibt es immer Alternativen. Sie müssen nur formuliert werden. Die AfD ist die Anti-Merkel-Partei, die Merkel braucht, um den Machtanspruch der anderen Bundestagsparteien zu zerstören. Zwei sind schon heruntergewirtschaftet. A-f-D – verstehen Sie: A-f-D. Verstehen Sie? Nein, Sie verstehen nicht. Alle-für-Deutschland. Klingelt’s? Hat aber gebraucht.«
»Wieso Deutschland?«
»Weil Deutschland Merkel-Land ist. Merkel ist der Pfropf auf der Wiedervereinigung. Solange sie regiert, bleibt die Flasche zu.«
»Wie meinen Sie das?«
»Da haben zwei Denk- und Lebensstile zusammengefunden, die noch lange nicht zueinander passen werden. Hier in Berlin weiß das jeder. Die Kanzlerin ist eine Verkörperung, eine Repräsentation. Schauen Sie auf die Raute. Sie repräsentiert das Gute. Die guten Kräfte der Nation. Die guten Kräfte müssen gestärkt werden, dazu sind sie da. Deshalb wird auch Berlin in diesem Wahlkampf auf allen Plakaten starkgeredet. Passen Sie auf: das wird der Slogan für die nächste Bundestagswahl – ›Starkes Deutschland‹!«
»Jawoll.«
»Naja, ich meinte Sie nicht persönlich. Obwohl – wollen Sie nicht zu den Starken gehören?«
»Ich gehöre seit langem dazu. Meine Stärke ist Beach Ball.«
»Das dachte ich mir. Wo trainieren Sie? Nee, darüber sprechen wir später. Solche Gespräche dauern lange. Meine U-Bahn...«
»Und wenn die Guten die Bösen sind? Oder wenn sie einfach unrecht haben? Oder wenn sie bloß nicht wissen, was sie tun? Oder wenn sie wissen, was sie tun und sie tun es trotzdem, weil sie so programmiert sind und nicht als Spielverderber dastehen wollen?«
»Dann sind sie trotzdem die Guten.«
»Warum?«
»Weil sie das Land an der bewussten Nahtstelle zusammenhalten.«
»Deshalb sind sie die Guten?«
»Die Guten sind nicht gut, weil das, was sie tun, richtig ist. Sie sind die Guten, weil keine anderen da sind.«
»Sie meinen, die anderen sind einfach nicht da?«
»Doch, aber sie sind nicht die Guten.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Sie auch nicht. Deshalb müssen sie stärker werden.«
»Was ich Sie noch fragen wollte...«
»Aber bitte.«
»Was halten Sie von Rot-Rot-Grün?«
»Ich hab’s gewusst. Sie sind ein Schlaumeier. Schauen Sie: Rot-Rot-Grün, das ist Merkel für den Fall, dass sie nicht mehr antritt oder gestürzt wird. Bauen Sie ein paar zweitrangige Differenzen in die Positionspapiere ein und Sie können tun und lassen, was immer Sie wollen.«
»Sie meinen, alles, was die Linken da vorlegen, ist Kosmetik?«
»Verhandelbar heißt das Wort.«
»Und die Grünen?«
»Die Grauen Panther, meinen Sie? Eine Zehn-Prozent-Partei, von der alle herrschenden Ideen der letzten dreißig Jahre ausgegangen sind, bis sie ihr ausgingen? Warum sollte die sich bewegen? Wohin sollte die sich bewegen? Die fällt vom Sockel, sobald sie sich bewegt. Das wird sie schön bleiben lassen.«
»Nach den Sozialdemokraten frage ich nicht.«
»Ich auch nicht. Allerdings, vielleicht...«
»Ich glaub’s nicht.«
»Gesetzt den Fall, die CDU verschwindet: das ist die einzige Partei, die sich neu erfinden könnte. Historische Substanz genug hat sie. Nur diese Lethargie… Aber reden wir nicht davon. Sie hat ein Altersproblem, das muss sie lösen.«
»Mehr Werbung?«
»Sehr witzig.«
»Mehr Einwanderer?«
»Ich plädiere für eine türkische Arbeiterpartei. Das bringt die Verbandsfunktionäre auf den Teppich.«
»Und heizt die Atmosphäre auf.«
»Man kann nicht alles haben.«
»Aber es gibt kaum noch Arbeiter.«
»Das müsste ich wissen. Man rechnet sie unsichtbar. Das heißt nicht, dass sie verschwinden. Außerdem: Alles, was nicht Kapital ist, ist Arbeit, mein Lieber.«
»Viel Arbeit.«
»Nicht wahr?«
»Meine Bahn. Niqab oder Hidschab?«
»Beides. In doppelter Ausführung.«
»Die Kundschaft wird anspruchsvoller.«
»Die Konkurrenz wächst.«


Mittwoch, 17. August 2016

Wieviel Andersheit verträgt der Planet?

Im Juni dieses Jahres entschied der Bundesgerichtshof, die Frage einer Grundrechtsverletzung durch die Festlegung auf eines von zwei Geschlechtern im Geburtenregister stelle sich nicht (Az. XII ZB 52/15). Kommuniziert wurde diese Entscheidung in ZEIT ONLINE mit der beachtlichen Schlagzeile: »Bundesgerichtshof lehnt drittes Geschlecht ab.« Die Erfahrung lehrt, dass es höchst verschiedene Arten – und Formen – der Ablehnung gibt. Welche Art der Ablehnung mag dieser Titel suggerieren? Es soll Mütter geben, die es ablehnen, ein drittes Kind zur Welt zu bringen. Manche wiederum lehnen ihr drittes Kind ab – eine familiäre Katastrophe und eine lebenslange Bürde für den lieblos aufgezogenen Nachwuchs. Verzichten wir darauf, die Sache väterlicherseits durchzudeklinieren – vor dem BGH jedenfalls, so lehrt es die Schlagzeile, gibt es kein drittes Geschlecht, er lehnt es ab, gibt es vermutlich, nach misslungenem Abtreibungsversuch, zur Adoption frei, auch archaische Praktiken der Weggabe wären denkbar, stehen aber wohl nicht zur Diskussion. Kann Recht so hart sein?
Am 8. August war Earth Overshoot Day, der Tag, an dem die ökologisch nutzbaren Ressourcen des Planeten (›nature’s budget‹) für dieses Jahr aufgebraucht waren. Seitdem herrscht Raubbau an Mutter Erde, der Planet läuft der wirtschaftenden Menschheit durch die Finger, er schrumpft, bildlich gesprochen, von Jahr zu Jahr. Auch dieser fiktive Termin funktioniert wie eine Schlagzeile: falsch aber wahr. Natürlich beginnt der Raubbau mit dem ersten Tag, mit der ersten Sekunde jeden Jahres, wenn man davon absieht, dass er nie eingestellt wurde, also einfach fortläuft – etwa so, wie Mutter Natur die Produktion von sexuellen Varianten keineswegs gedrosselt oder vorübergehend eingestellt hat, um die Entscheidung des BGH abzuwarten. Nun lehnt der BGH die Existenz oder die – vorübergehende oder dauerhafte – Anwesenheit von Intersexuellen innerhalb des deutschen Rechtsraumes keineswegs ab, er verweigert ihnen nur, aus welchen Gründen auch immer, die Möglichkeit, eine eigene Rubrik im Geburtenregister einzuklagen. Doch ist die Parallele darum nicht minder auffällig. Denn auch der Planet schrumpft ja nicht, jedenfalls realiter, es gibt nur, von Jahr zu Jahr, weniger auszubeuten. Für Leute, denen Ausbeutung an sich ein Dorn im Auge ist, mag das eine frohe Botschaft sein, für andere, die von der Ausbeutung leben, wirft es immerhin die Frage auf, ob es für sie noch reicht oder ob genügend neue Planeten bereitstehen, wenn der alte ›den Geist aufgibt‹ oder wie die entsprechende Phrase wohl lauten mag.
So weit, so statisch gedacht. Dynamischer denkende Mitbürger weisen darauf hin, dass die ökonomisch und ökologisch nutzbaren Vorräte der Erde keineswegs alle erschlossen und verbindlich erfasst sind, so dass der Earth Overshoot Day auch in dieser Hinsicht eine Fiktion enthält. Genausowenig lässt sich der Anteil der Intersexuellen (und angrenzender Gruppen) an der Bevölkerung eines Landes verbindlich beziffern, jedenfalls solange es an angemessenen Erfassungsinstrumenten mangelt. Ein Kann-Bestimmung, wie der BGH sie für das Geburtenregister als ausreichend ansieht – die Geschlechtsangabe kann gestrichen werden –, fügt den Tatsachen zwar den Charme der Selbstbestimmtheit hinzu, lässt aber die Dunkelziffer automatisch in die Höhe schnellen. Welche Dunkelziffer? Die Zahl der Personen, die ihr wahres Geschlecht nicht kennen? Die Zahl derer, die ihr wahres Geschlecht zu kennen glauben, es aber aus Gründen, von denen sie annehmen, dass sie niemanden etwas angehen, vor ihren Mitmenschen – und selbst einem Register – zu verbergen wünschen? Die Zahl derer, die, über die medizinischen Fakten belehrt und im Bilde, keine Zeit oder Lust oder Gelegenheit finden, sich auf den Weg zur Behörde zu begeben? Die Zahl derer schließlich, die ohnehin gewillt sind, über kurz oder lang durch einen medizinischen Eingriff den Sachverhalt zu ändern?
So zu fragen setzt offensichtlich etwas voraus, was sich bei näherem Hinsehen ebenfalls als Fiktion herausstellt: eine Einheitsvorstellung von Sexualität und Gender, die weder den biologischen noch den sozialen noch den mentalen Gegebenheiten entspricht. Man braucht nicht der Mein-Geschlecht-bestimme-ich-Fraktion angehören, um im Laufe seines Lebens in die Lage zu kommen, sein Geschlecht zwar nicht definieren, wohl aber mit individuellen Akzenten versehen zu müssen, die, statistisch betrachtet, so individuell nicht sind. So wenig der Bedarf der Menschheit an Rohstoffen für alle Zeiten demselben Muster folgt, so wenig lässt sich gelebte Sexualität an den Einträgen ins Geburtenregister ablesen. Während die Dunkelziffer an Rohstoffen und verwertbaren Naturprozessen, verglichen mit den bekannten Kennziffern des geschundenen Planeten, vor allem eines bedeutet Aufschub , verheißt die geschlechtliche Dunkelziffer demnach etwas völlig anderes: ein Plus an Forschungsthemen, -etats, Planstellen, Sollstellen, rechtlicher, medizinischer, psychologischer, sozialer Auf-, Vor- und Nachbereitung, Diversität der Lebensstile, gesellschaftlicher und politischer Repräsentanz und Präsenz etc., das letztlich durch ein Plus an Produktion erwirtschaftet und durch ein entsprechendes Plus an Konsum abgefackelt werden muss.
Das mag ironisch klingen, ist aber eher resignativ gemeint. Die progressive Entdeckung und Ausbeutung menschlicher Ressourcen, die unter der Einheitsdecke konventioneller Begriffe und Lebensstile schlummern, besitzt in den hochtourigen Ökonomien des Westens (und Ostens) neben dem emanzipatorischen Zugewinn an Lebenslust und Gestaltungs-Spielräumen eine konsumistische Ader, die, Dunkelziffern hin oder her, statistisch gesehen dazu beiträgt, den Earth Overshoot Day Jahr für Jahr etwas früher eintreten zu lassen, während das Lebensgefühl frisch emanzipierter Gruppen und Grüppchen das genaue Gegenteil zum Ausdruck bringt, da sie sich in besonderer Weise mit dem Leben des Planeten im Einklang wissen. Wie viele (noch zu entdeckende) Formen des Andersseins verträgt der Planet? Wir wissen es nicht und werden es wohl niemals wissen. Selbst das Bedauern für diejenigen, die es, so oder so, zu spüren bekommen werden, wirkte gezinkt angesichts von Bevölkerungswachstum, Aufholökonomien und Migrationsbewegungen, die als Problemverstärker ersten Ranges das Leben aller verändern. 

 

Dienstag, 16. August 2016

Trommeln in der Nacht


Wikipedia logo Trump

Hat eigentlich jemand in der letzten Zeit festgehalten, dass die Anti-Trump-Kampagne so ungefähr das Verlogenste, Unfairste, Niederträchtigste und Hinterhältigste ist, was in diesen Wochen und Monaten durch die Medien rollt? Man kann das ohne die geringste Sympathie für den Kandidaten der Republikaner feststellen, über dessen virtuelle, möglicherweise bald schon reale Regierungskünste die Welt offenkundig genausoviel weiß wie der hiesige Durchschnittsjournalismus über die Grammatikregeln der ihm von anderer Seite auferlegten Sprache – nämlich nichts. Man muss dazu nichts wissen, es genügt das einfache Lesen und Zuhören, um zu begreifen, dass eine als Rassist, Perverser, Schwachkopf, Irrer, Psychopath, Verräter, Sexist, Frauenhasser, überhaupt Hasser, ›Narzisst‹ (immer wieder beeindruckend dieses Wort!), Betrüger, Großmaul, schwaches Ego, von Unterlegenheitsgefühlen gebeutelter, lächerlicher, naiver, bedrohlicher, dämonischer, waffennärrischer, mit allen schmutzigen Wassern gewaschener, patriarchalischer, selbstherrlicher, sprachunfähiger, ungebildeter, unwissender, pöbelnder, sachfremder, den Tod fürs Vaterland besudelnder, auf politischen Mord spekulierender, von sämtlichen guten Geistern, Beratern und Ex-Biographen verlassener Scheinunternehmer, Scheinmilliardär, Scheinkandidat (»Will er überhaupt…?«) und Putin-Double verhöhnte und denunzierte Person, sagen wir … schon über ein ganz eigenes Flair verfügt. Und das, obwohl das tödlichste aller Attribute in der Liste noch gar nicht auftauchte: das Böse.
Es handelt sich, wohlgemerkt, um einen Kandidaten, der, weitgehend an der eigenen Partei vorbei, bisher jeder negativen Prognose, jeder pseudointellektuellen Abfertigung zum Trotz sich beim Wahlvolk eine Ausgangslage verschafft hat, die seine Wahl zum Präsidenten nicht besonders unwahrscheinlich aussehen lässt. Nicht unwahrscheinlicher jedenfalls als die seiner von Email-Skandal, Libyen-Syrien-Verstrickung, unguten Nominierungspraktiken, Korruptions-Verdächtigungen (Assange jüngst im Interview) und neuerdings einem ungeklärten Todesfall in ihrer Partei nicht eben auf Rosen gebetteten Mitbewerberin, die sich offenbar als fleischgewordene Fortschreibung der geltenden Weltordnung in den Gemütern beunruhigend phantasiearmer westlicher Kolumnisten und Parteistrategen einen heilsgeschichtlichen Extra-Status erworben hat, ohne dass man wüsste woher und wozu.
Ist das noch Hohn? Ist das noch Denunziation? Lässt es sich, wenigstens ansatzweise, als Kritik deuten? Es ist vor allem lächerlich. Neben Verstand und Fairness geht dabei etwas flöten, das man in politischeren Zeiten als ›Umsicht‹ bezeichnet hätte, also jene politische Tugend, der alle begehrten skills erst ihre Daseinsberechtigung verdanken. Aber vielleicht macht sich ebenso lächerlich, wer inmitten des abrollenden Spektakels ein Wort wie Tugend verwendet, auch wenn in diesem Zusammenhang weder Keuschheit noch Ehre der Anwärter auf dem Spiel stehen, sondern nur die Erwartungen gepeinigter Länder und Individuen, von denen es offenbar immer mehr als genug gibt, um hochmütig darüber wegzuschreiten. Es fällt auf, dass der mit dem Makel des Bösen geschlagene (und schlagende) Kandidat die einfühlsameren Worte findet, sobald es um diese Klientel und ihre Schicksale geht. Genauso fällt auf, dass die Meute sich nichts angelegener sein lässt als gegen diesen Teil seiner Aussagen anzuschreien, sie buchstäblich vor Augen und Ohren des Publikums akustisch zu zerreißen.
Wenn Obama außenpolitisch als Realist, Clinton hingegen als idealistische Interventionistin durchgeht, wie soll man dann Trumps Ankündigungen taxieren? Als ökonomischen Nationalismus? Als dämonischen Multipolarismus? Als unerträgliche Gleichstellung ›guter‹ und ›böser‹ Staaten? Als einseitig an privaten Geschäftspraktiken orientierte Realpolitik? Als Einsicht in die Notwendigkeit, Amerikas strategische Partnerschaften auf eine erwartungsbereinigte Basis zu stellen? Als Verzicht auf das globale Exekutivrecht der Exceptional Nation angesichts leerer Köpfe und Kassen und sich verschiebender internationaler Gewichte? Als Angebot an die Europäer, das Schicksal ihrer Region in die eigenen Hände zu nehmen? Mag sein, mag nicht sein. Auffällig jedenfalls bleibt, dass gerade Trumps ›umstrittene‹, in beliebiger Zahl und Lautstärke wiederholte Äußerungen (Mauer an der mexikanischen Grenze etc.) sich, nüchtern betrachtet, kaum von der gegenwärtigen Praxis abheben. Wenn hier ›Populismus‹ im Spiel ist, dann sicher auf beiden Seiten. Welchen Grund wohl mögen europäische Politiker haben, sich mit einer Hast von der Idee einer veränderten Lastenteilung im militärischen Sektor der westlichen Wertegemeinschaft zu distanzieren, als hätten sie sich beim bloßen Anhören den Magen verdorben und müssten dringend ins Krankenhaus? Die Todesmühlen mahlen, die Waffengeschäfte florieren, der Terrorismus, dessen Bekämpfung dies alles diente, rückt in die europäischen Städte vor –: Zeit wäre es, öffentlich über eine Politik zu diskutieren, die diese Situation wissentlich, willentlich und überaus fahrlässig herbeigeführt hat und, um Nietzsche zu zitieren, »gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend« es versäumt, von Illusionen Abschied zu nehmen, offenbar, weil selbst eine illusionäre Politik den Geschäften dienlich ist, denen am Ende alles dienen muss.
Zur Wahl, soviel steht fest, werden die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika aufgerufen. Von einer Beteiligung deutscher Staatsbürger an der anstehenden Entscheidung ist nichts bekannt. Deutsche mögen vom politischen Verstand der Amerikaner (und ihrem eigenen) halten, was sie wollen sie haben keine Wahl. Sie werden aber mit dem, was sich jenseits des Atlantik glättet oder zusammenbraut, leben, das heißt zurechtkommen müssen. Ob hemmungslose Kandidatenbeschimpfung dem dient, ist eine Frage, die jedem, dem sie im Ernst gestellt werden muss, vor die Füße fällt. Wer die AfD in Florida zu bekämpfen glaubt, der sollte besser um einen Termin beim Therapeuten nachsuchen. Apropos: Die American Psychiatric Association, die Standesgesellschaft amerikanischer Psychiater, hat aus gegebenem Anlass ihre Mitglieder darum gebeten, kühlen Kopf zu bewahren und sich einer jetzt 43 Jahre alten Zunftregel zu erinnern, Goldwater rule: Es sei nicht nur unethisch, sondern auch unverantwortlich, mittels Fernanalysen in den Kampf um die Macht einzugreifen. Das ist doch etwas.
Während der amerikanische Wahlkampf seine karnevalesken Züge auslebt, faselt sich eine sektiererische, argumentscheue, parteigängerische Öffentlichkeit hierzulande ins gedankliche, politische, moralische und demokratische Abseits. Das ist schlimm, das ist geschmacklos, das ist verheerend für die eigenen Belange in naher Zukunft und es wäre unverständlich, ginge es dabei mit rechten Dingen zu. Deutschland im Sommer: ein Land, das seinen Verstand gern in Europa abgäbe, wenn es denn eine Telefonnummer hätte und Amerika ihn herausrücken würde.



Samstag, 13. August 2016

Religion: die Klassiker



Wer von einer Religion redet, muss von allen reden.
Wer von allen reden will, muss eine haben.

Lessing von E.Cauer d. Ä.

Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781)



Religion ist die Maske, unter der wir uns ins Gesicht sehen können.

Anthony Ashley-Cooper 3rd Earl of Shaftesbury

Anthony Ashley-Cooper, 3. Earl of Shaftesbury (1671 - 1713)



Religion ist Tugend plus Schwärmerei.

Wieland by Kügelgen

Christoph Martin Wieland (1733 - 1813)



Religion ist Herzensfrömmigkeit oder Heuchelei.

Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf Denkmal Herrnhut

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700 - 1760)



Religion ist die Poesie der Menschlichkeit.

HerderS75

Johann Gottfried Herder (1744 - 1803)



Religion ist Opium – für wen?

Marx1867

Karl Marx (1818 - 1883)



Ich verachte keine Religion, ich betrachte sie.

JW Goethe by GM Kraus 1775 76

Johann Wolfgang Goethe (1749 - 1832)



Unsere Religion ist die Religion der Freiheit.

B.Croce

Benedetto Croce (1866 - 1952)



Montag, 8. August 2016

Das falsche Lächeln der Mona Lisa



1. 

Als die große Ratlosigkeit ausbrach, 
stand eine Frau an der Spitze des Landes. 
Sie lächelte. Nicht viel, fast gar nicht oder, wie man so sagt: 
kaum merklich. 

Was lächelt die da, fragten die Leute. 
Was lächelt die da, wo doch das Unbehagen 
in den Gesichtern nistet? 
Was lächelt die da, wo doch die Unruhe steigt? 

Die Leute fragten nicht viel, 
fast gar nicht oder, wie man so sagt: 
kaum merklich.

Eine Abmachung bestand
zwischen der Frau an der Spitze des Landes
und dem Volk der Bespitzelten:
Wasch mich nicht, aber mach mir den Pelz nicht nass.
 
2.

Wer im Trockenen sitzt,
dem ist trocken zu Mute.
Wer im Regen steht,
dem ist nass zu Mute.
Wer in der Gosse liegt,
dem fehlt es am Mute.

3.

Was bekannt ist:
Das Lächeln der Mona Lisa
besitzt eine linke und eine rechte Hälfte.
Genauer gesagt, handelt es sich um Folgendes.
Die rechte Gesichtshälfte lächelt, links
ist das Lächeln erloschen.

Kein Problem für Experten.
Sie schneiden die linke Gesichtshälfte ab
und spiegeln die rechte.
Sieh da: Mona lächelt.

Bald heißt es: Das ist nicht unsere Mona.
Etwas anderes trat an ihre Stelle.
Strahlend, wie jene nie strahlte,
wissend, trotzig fast, entschlossen zu handeln.
Streicht ein, was ihr galt: Trauer,
Verwunderung, freigesetzt
durch das Endspiel von
Vollendung plus Vergängnis
im Konterfei eines Menschen.

Die Experten trennen die rechte Gesichtshälfte ab
und spiegeln die linke. Alles ist wie erwartet.
Kein Lächeln tritt über Lippen,
die ein einziger Schnitt, rasch ausgeführt, schloss.

4.

Das Lächeln der Mona Lisa
besitzt eine linke und eine rechte Hälfte.

Das Lächeln der Mona Lisa
weiß von keiner linken und keiner rechten Hälfte.

So oder so
ist es falsch.

Donnerstag, 4. August 2016

Forza cattolica

»Ehrlich gesagt, nie wäre ich auf die Idee gekommen, eines Tages dem Papst – the pontiff, wie ihn sein angelsächsisches Publikum gelegentlich mit einem Anflug von Sarkasmus nennt – ein sonniges Gemüt zu bescheinigen. Der Kontrast zum Dalai Lama lässt sich nicht einfach mit ein paar Weihwasserspritzern beseitigen. Er gründet tief in den religiösen Kulturen, die, zum Kummer mancher Zeitgenossen, nur im Plural zu überleben scheinen. Die eine Religion geht in die Tiefe, die andere in die Höhe, die dritte in die Weite, bei der vierten wird’s eng... Daran wäre nichts auszusetzen, wenn ihre Vertreter sich der Tonlage ihrer Botschaft ständig bewusst blieben. Ob, was aus Rom zu vernehmen ist, es mit den Interviews Seiner tibetanischen Heiligkeit aufnehmen kann, steht freilich auf einem anderen Blatt. – Sie hören mir zu?«
»Keine Zeit. Wie meinen Sie das?«
»Ich wusste, dass Sie mir zuhören würden. Auf seinem jüngsten Flug nach Polen hat der Papst einige bemerkenswerte Sachen gesagt: dass Krieg herrsche, dass man sich nicht fürchten solle, es auszusprechen, dass es kein Religionskrieg sei, sondern ein Krieg um Interessen, Geld, Bodenschätze, Herrschaft, dass nicht Religionen den Krieg wünschen, sondern die anderen...«
»Was soll daran falsch sein?«
»Nichts. Vorausgesetzt, wir einigen uns darauf, wer die anderen sind.«
»Nun … die schlimmen Finger, die Ungläubigen, die Geldleute, die Materialisten, die Atheisten, die Skeptiker, die Abtrünnigen, die Abgefallenen, die Satanisten, die Religionsverächter, die Nudisten, was weiß ich, sie sollen schmoren...«
»Nanana. Sie meinen, die hat er alle gemeint?«
»Nun, vielleicht nicht in der Reihenfolge, nicht in der Deutlichkeit, aber der Tendenz nach … würde ich sagen, ja.«
»Ich sehe, Sie wissen noch nicht, was er auf dem Rückflug gesagt hat. Er hat gesagt… Glauben Sie, Ihre Uhr kann Sie irgendwie beschützen? Ein Talisman? Interessant. – Wie ich schon sagte, er hat gesagt, er denke, es sei weder richtig noch wahr, den Islam mit Gewalt zu identifizieren.«
»Hört sich gut an. Finde ich auch.«
»Richtig. Er hat gesagt, er denke, in jeder Religion gebe es eine kleine fundamentalistische Gruppe. Auch bei uns.«
»Sehr richtig.«
»An wen denken Sie? Sinn Féin?«
»An wen?«
»Auch gut. Aber dann kommt’s. Wenn ich – also er – morgens in die Zeitung schaue – Seine Heiligkeit weilt in Gedanken bereits wieder in Rom –, dann sehe ich – wieder er – diese ganze Gewalt hier in Italien: da bringt einer seine Freundin um, der andere seine Schwiegermutter, alles getaufte Katholiken...«
»Die Hitze, ich sage Ihnen, das ist die Hitze. Sehr auffällig in einem Land wie Italien. Mediterrane Kultur, wir Nordmenschen lieben das sehr. Praktischerweise können die meisten Touristen kein Italienisch und die meisten Italiener kein Englisch. Der Papst natürlich...«
»Hören Sie auf. Wann waren Sie das letzte Mal in Italien?«
»Vor 25 Jahren. Ich kann mich gut erinnern: In Pisa schimpfte der Friseur wie ein Rohrspatz über die afrikanischen Illegalen, die den Strand mit Einwegnadeln pflastern würden. Eine Schande für die Behörden. Und dass endlich Schluss damit sein solle. Schon der Familie wegen.«
»Sein Sohn handelt heute mit Drogen. Der Papst sagt: Wenn ich über islamische Gewalt rede, muss ich auch über katholische Gewalt reden.«
»Interessant. Wo hat er das her? Ich meine, redet er über mexikanische Drogenbosse? Kämpfen die Kerle etwa für die Weltherrschaft der Ecclesia? Ah, ich verstehe … deshalb will Trump die Mauer bauen. Kluger Scheitel. Völlig irre. Aber sagen Sie – all diese katholizistischen Anschläge auf öffentliche Gebäude, auf Kirchen, Moscheen, Polizeiposten, Shopping Malls, Baumärkte, Supermärkte, Rockfestivals, Touristenhotels, auf einsame Surfer – warum zum Teufel redet eigentlich niemand davon? Bilder, die uns zuinnerst verwunden und auf ewig traumatisieren würden – warum sieht man nichts dergleichen? Warum liest man nichts darüber? Warum wird dieser Stoff uns von Medien und Politikern dauerhaft vorenthalten? – Halt, sagen Sie nichts. Sagen Sie nicht, die Freimaurer. Mit Freimaurern kenn ich mich aus. Die sind selbst im Fadenkreuz. Im übrigen gibt es kaum welche. Der AfD trau’ ich es, ehrlich gesagt, nicht zu. Die sind nicht so weit. Also: Wer erteilt solche Verbote? Vor allem: Wer setzt sowas durch? Ah, ich verstehe, la Mafia. Omertà. Es sind die Drogen. Hören Sie, es sind die Drogen.«
»Jetzt echauffieren Sie sich.«
»Ich teile die Erregungen meines Volkes. Kommen Sie, Sie haben noch etwas in petto.«
»Ich nicht. Haben Sie die Rede von diesem komischen General auf dem Nominierungsparteitag der amerikanischen Demokraten gehört? Nein? Ich schon. Hard stuff. Sollten Sie sich reinziehen.«
»Was sagt er denn?«
»Ach nichts. Etwas wie: wir sind anders. Und dass er Clinton auch den Einsatz von nichtmilitärischen Mitteln zutraut.«

Mein Nachbar. Aber Sie kennen ihn ja bereits.

Freitag, 29. Juli 2016

Neues Europa oder: Rette sich, wer kann

Blickt man auf die Gesellschaft der Nationen, dann fällt auf, dass sich auch unter ihnen Moralisten der gehobenen und der gesenkten Braue finden, Moralisten von Geburt und solche, die ihre Lektion gelernt zu haben beteuern. Kein Zweifel, sie ergänzen einander, sie kommen voneinander nicht los, sie haben einander unendlich viel zu sagen – ins Gesicht, aber auch sonst, hintenherum, wenn einer Partei etwas stinkt oder der Einzelne besser schweigt. In solchen Fällen tritt das Kollektiv in Aktion, die üblichen Sender senden, die fleißigen Finger der Nation tasten das Feld der gängigen Überheblichkeiten ab, die kritischen Federn federn ins intellektuelle Abseits, die Helden des Geistes… Parlamente, getragen von historisch-geläutertem Hochgefühl, beschließen Resolutionen, die aus der Empörung der anderen Seite bereits Kapital schlagen, bevor sie Gelegenheit hatte, sich erkenntlich zu zeigen, Leitfiguren der Unterhaltungsbranche bekommen plötzlich Meinungen wie andere Leute Brechdurchfall und der eine oder andere zur Hälfte abgehalfterte Volksheld erhebt seine Stimme, als kehre er in den Kreis der Gemeinten zurück.
Bleiben wir nüchtern: Es sind keine Moralisten, die sich da zu Wort melden, jedenfalls keine auf eigene Faust und eigene Rechnung, um von Urteil und Gewissen zu schweigen, es sind, neben dem üblichen Anteil an Mietschreibern und Aufpeitschern, Leute, die es als ihre Aufgabe ansehen, Kollektivgeschichte als Sittengeschichte zu schreiben, auch wenn ihnen das Wort wenig sagt. Sie vergleichen den Stand der – politischen, gesellschaftlichen, religiösen – Gesittung hier wie da und kommen nicht umhin zu konstatieren, dass ›wir‹ besser dran sind, was wenig mehr bedeutet als: Wir sind wir und diese wären wie wir, wären sie nur weiter. Die eifrigsten Befürworter dieser Sicht sind Leute mit einem gespaltenen, man darf auch sagen: doppelten Wir (und gelegentlich doppeltem Pass), die sich als Kenner verstehen, weil sie, meist berufsbedingt, die Seite gewechselt haben und mit doppeltem Konsumstandard punkten.
Doch leidet ihr Kennertum darunter, dass sie eine einmal gefällte Lebensentscheidung all denen andienen wollen, die sie weder gefällt haben noch sie zu fällen gedenken. Die Entscheidung für eine aufnehmende Gesellschaft ist um Gründe selten gelegen, sie setzt aber eine andere voraus: Dort will ich hin. Dieses ›Dort‹, der geographische Ort einer unbestimmten, in den seltensten Fällen eintretenden Erfüllung, ist nicht die fremde Gesellschaft, über die man das eine oder andere weiß oder nicht weiß, sondern das ›Dazwischen‹, ein ausgedünnter Raum, bevölkert von Leuten mit ähnlichen Schicksalen und ähnlichen Handlungsoptionen. Nein, sie bringen ihre Gesellschaft nicht mit, allenfalls ›Sitten‹ – was spätestens in der nächsten Generation nichts Gutes bedeuten muss –, sie lassen sie dort, wo sie sie verlassen haben. Die Kompetenz der erfolgreich Integrierten richtet sich auf diese Gruppe und sagt: »Tut es uns nach!«, sie richtet sich auf das verlassene Land und sagt: »Solange die Gründe bestehen, die uns zur Auswanderung bewogen, betrachten wir dieses Land als zurückgeblieben.«
Mag sein, mag nicht sein. Etwas im Menschen hält ihn davon ab, sich als zurückgeblieben zu begreifen. Zurückgeblieben sind immer die Anderen. Das ist keine Auffassung, die Nationalstaaten von anderen unterschiede, sondern, prima vista überraschend, ein starkes Merkmal von Staaten, deren Eliten sich im postnationalen Gefühlsstadium bewegen, während die Bevölkerung zweifelnd das Haupt wiegt oder auch nur den Kopf schüttelt über soviel Leichtsinn. Das elitäre Bewusstsein, weiter zu sein als die eigene Bevölkerung und (vermutlich) man selbst, benötigt andere Staaten als Vorbild – »Da wollen wir hin!« – und Schreckbild – »Das haben wir überwunden!« –, während der reale Verkehr leicht auf der Strecke bleibt oder, nun ja, in nationalen Routinen verläuft.
Um zu sehen, wie das funktioniert, muss man nicht unbedingt an den Bosporus fahren. Analoges lässt sich heute im Verhältnis zwischen Deutschland und seinen östlich-südöstlichen EU-Nachbarn beobachten. Zu behaupten, es stünde damit nicht zum Besten, wird der Lage nicht wirklich gerecht. Zurückgeblieben sind immer die Anderen. Wenn Polens Kaczyński in diesen Tagen moniert, Deutschland sei seiner Führungsaufgabe in Europa nicht gewachsen, dann muss er dafür keine Gründe mehr anführen, denn er selbst ist der Grund – nicht als Person, nicht einmal als Repräsentationsfigur seines Landes, sondern als Träger einer Überzeugung, die in ganz Europa in den vergangenen Jahren ›sprunghaft‹ gewachsen ist. Führen heißt überzeugen: Wer in den Augen der anderen zurückbleibt in Überzeugungen, angesichts derer längst die Zweifel überwiegen, kann nur mit Mitteln führen, welche die Spaltung vertiefen.
Und wenn wir doch recht hätten? Haben wir nicht recht? Aber ja, wie könnten wir etwas Unrechtes vertreten? Schließlich sind wir über das Unrecht hinaus – wir sind weiter. Es liegt ein großes Unrecht darin, uns vorzuhalten, wir hätten unrecht. Wie jedes Unrecht muss auch dieses gesühnt werden. Das haben wir gelernt. Was haben wir sonst gelernt? Dass unser Marsch in die Zukunft ein langer sein wird und dass es falsch wäre, ihn vorzeitig abzubrechen. Vorzeitig heißt: vor jener leuchtenden Zeit der Reife, in der wir alle Europäer sein werden und vieles mehr. Es ist also falsch von denen, die ihn nicht mitmachen wollen, ihn als unseren zu bezeichnen. Es ist doch der ihre, nur dass sie ihn nicht mitmachen wollen. Wir lassen euch nicht zurück, auch wenn ihr zurückbleibt. Kein Wunder, dass den Fremdretardierten angesichts dieser Logik der Kamm schwillt.
Rettet Europa vor den Europäern: so lautet die Parole diesseits und jenseits der Visegrád-Linie, der Hochmuts-Linie Europas, eingegraben durch zwei konkurrierende Geschichtserfahrungen, die einander nichts nachgeben und deren Träger nicht nachgeben werden. So kommt gleich dahinter die andere: Rette sich, wer kann.

Mittwoch, 27. Juli 2016

Das Schweigen der Kassandren

Kassandra darf schweigen. Ihre Voraussagen haben sich rascher erfüllt, als sie selbst es für wahrscheinlich gehalten hätte.
Wovor sie warnen könnte, es ist Realität.
Ein Krieg, der keiner sein darf? – Alltag.
Dschihad auf europäischem Boden? – Alltag.
Ethnokulturell fundierte Gewalt auf europäischem Boden? – Alltag.
Gewaltbereiter Fremdenhass beiderseits der Demarkationslinie, die ›Fremde‹ und ›Einheimische‹ voneinander trennt? – Alltag.
Gespaltene Gesellschaften, zwischen deren Fraktionen das Denunziationsgebot herrscht? – Alltag.
Gesinnungs-Konformismus, der jedem freien Gedanken ins Gesicht schlägt? – Alltag.
Ein ›verantwortlicher‹ Journalismus, dessen oberste Mitteilungsregel lautet: Nichts gegen den Augenschein, alles gegen den Augenschein? – Alltag.
Ein mürrischer Staat, der Wohlverhalten anmahnt und für den Notfall rüstet? – Alltag.
Eine zerfallende Union, die nach dem Motto handelt: »Rette sich, wer kann!«  – Alltag.
Ein Karussell der Schuldzuweisungen, das sich von Anschlag zu Anschlag verheerender weiterdreht? – Alltag.

Die Realität bedarf Kassandras nicht mehr. Sie mit dem Spruch »Hab ich’s nicht gesagt?« hausieren gehen zu sehen, ist schwer erträglich. Was immer geschieht, es hat, jedenfalls fürs erste, seine Partei gefunden. Es ist dort angekommen, wohin es von Anfang an gehörte: im Parteienspektrum, wenngleich nicht im Parteienstreit. Das ist einerseits schlecht, denn es beraubt die Bürger des einzigen konstruktiven Mittels, Staat zu machen. Es ist andererseits gut, weil ihr Urteil gefragt ist: Sie müssen begreifen, wer wo welche Diskussionen – und damit Entscheidungen – blockiert.
Das Karussell der Bezichtigungen dreht sich leer: in ihm haben alle ›Recht‹. Welches Recht? Das Recht jeder Partei auf die halbe Wahrheit – nicht mehr, nicht weniger.
Eine Situation, in der die halben Wahrheiten ausgedient haben, signalisiert nicht das Ende der Parteiendemokratie, sondern ihren Neuanfang.
Wer zur nächsten Wahl geht, um sein Kreuz dort zu machen, wo er es immer machte, weil er es immer dort machte, ist schon kein Demokrat mehr (falls er es jemals war).
Ein Partei-Establishment, das auf ihn vertraut, hat die Situation nicht verstanden und die Situation holt es ein.
Ideologisch erstarrte, unflexible, realitätsleugnende Parteien verlieren den Rückhalt in der Bevölkerung und marginalisieren sich selbst.
Es ist Leichtsinn zu glauben, in kritischen Lagen stehe die Demokratie auf dem Prüfstand. In der Krise stehen die Parteien auf dem Prüfstand.
Nicht Wähler müssen sich rechtfertigen, sondern Parteien.
Nicht Wähler haben ›schlüssige Antworten‹ zu geben, sondern Parteien.
Nicht Wähler haben sich (nach Parteiwunsch) neu zu sortieren, sondern, sobald die Realität es erfordert, Parteien.
Das Recht jeder Partei auf die halbe Wahrheit endet dort, wo die andere Hälfte von allen ungesagt bleibt oder – unter der Flagge der Rechtgläubigkeit – als Abfall deklariert wird. Ein Parteienspektrum, das nicht die Wirklichkeit abdeckt, paralysiert den Wählerwillen an der heikelsten Stelle: im Entstehensprozess. Allerdings täuscht sich doppelt, wer denkt, hier ende die Demokratie und es beginne etwas anderes – eine andere Staatsform vielleicht oder ein anderes Regime. So leicht geht das nicht.
Erstens: Die ›etablierten‹ Parteien besitzen den Staat auch dann nicht, wenn sie seine Funktionen unter sich aufgeteilt haben. Gerade dann nicht, müsste man sagen, weil sie sich dadurch die demokratische Legitimation entziehen.
Zweitens: Demokratische Delegitimation kann schon deshalb nicht folgenlos bleiben, weil sie sich dort, wo sie eintritt, als wirklicher Prozess in der politischen Arena vollzieht und nicht nur als Gegenstand in den Kommentaren kritischer Zeitgenossen existiert. Es wäre ein Denkfehler zu glauben, der Demos diffundierte allein deswegen aus einem politischen System, weil ein Parteienoligopol ihm tendenziell die Wahlmöglichkeiten entzieht.

Der Demos denkt nicht daran zu verschwinden, vorzugsweise deshalb, weil er überhaupt nicht denkt. Wäre es anders, es gäbe kein Argument gegen die direkte Demokratie. Das Kernstück der parlamentarischen Demokratie ist die Repräsentation. Es wäre ein Gebot politischen Überlebenswillens, sie unter den gegebenen Verhältnissen einmal mehr zu durchdenken. Keine demokratische Instanz ist befugt oder ohne Selbstwiderspruch imstande, sie aufzuheben und in ein formales Gefolgschaftsverhältnis zu verwandeln. Ein solches Verhältnis, sollte es, mangels Wähler-Interesse und aus Parteien-Gleichgültigkeit gegenüber der ›Masse der Wähler‹, einmal eintreten, müsste von Grund auf korrupt sein, soll heißen, es würde durch Gesinnungsterror erzwungen (nach Beispielen wäre nicht lang zu suchen) oder durch ein Maß an Klientelismus erkauft, das sich mit den Interessen des Gemeinwesens nicht lange vermitteln lässt. Man hat Parteien innerhalb weniger Jahre aus den Parlamenten verschwinden sehen, die sich an letzterer Stelle überhoben. Schon deshalb wirkt die Gelassenheit, mit der die etablierten Parteien in Deutschland ihren demoskopischen Tiefständen trotzen, so, sagen wir … deplatziert.
Der Demos denkt nicht, er sieht – und wählt. Vielleicht ist dies seine umfassendste Definition: Er ist das Wahlvolk.

Tipp für Aufgeschlossene: Fürchtet nicht die Rufe der Kassandren.
Fürchtet ihr Schweigen.