Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne auf Globkult

Illusions perdues. Ältere Einträge

Dienstag, 13. Juni 2017

Deutschland En Marche!


Das Bismarck-Wort vom mangelnden zivilen Mut der Deutschen macht wieder die Runde. Dabei wird es durch den bloßen Augenschein widerlegt. Zu keiner Zeit haben Leserbriefschreiber in Nachkriegsdeutschland – im Netz vornehm ›Kommentatoren‹ genannt – die Artikelschreiber der Mainstream-Medien so couragiert und energisch auf ihre journalistische Sorgfaltspflicht und die eklatanten Mängel ihrer Weltbeschreibung – von anderen Defiziten abgesehen – hingewiesen wie heute. Zu keiner Zeit allerdings sind ihre Auslassungen so vehement an der vornehmen Gleichgültigkeit der schreibenden Zunft abgeprallt wie heute – was sich leicht durch deren heroischen Kampf gegen das Gespenst namens ›Populismus‹ erklärt, dessen Hauptsünde darin besteht, dass er dem Volk aufs Maul schaut und ihm, wann immer es passt, nach dem Maul redet.
Kein Populist zu sein ehrt den Zeitungsschreiber. Es ehrt ihn so, dass er die Eselei gern in Kauf nimmt, die Windmühlen anzutreiben, gegen die er unermüdlich ankämpft. Was von einer Zeitung zu halten ist, die in jedem zweiten Artikel den Populismus, die Populisten oder ein einsames Populistenschwein niedermäht, weiß heute in Deutschland jeder, der einst Honeckers Lesezirkel glücklich entronnen ist – oder unglücklich, denn wie es scheint, fangen viele an, sich wieder ganz zu Hause zu fühlen, manche darunter, auffälligerweise oft aus dem Westen, besser denn je.
Selbst die einstige Zeitung für Deutschland hält sich mittlerweile eine Klientel, vor der sie, wenn sie es ernst meint, ihr vieljähriges Wirken als konservatives Vorblatt besser sorgsam verbergen sollte, um nicht populistisch-rechtsextremer-verschwörungstheoretischer Hetze geziehen zu werden. Wie solche Geheimhaltung in einem freien, offenen Land funktionieren kann, führt in diesen Tagen die Mobilisierung der lesenden Massen gegen den armen toten Herrn Sieferle vor. Einen gewieften Archivbenutzer müsste es schon sehr wundern, die perhorreszierten Denkmuster aus dessen posthum herausgekommenem Florilegien-Büchlein, falls sie denn einmal öffentlich unter die Leute gebracht würden, nicht allesamt in einer älteren Nummer des geschätzten Blattes – oder der werten Konkurrenz, man sollte nicht zu pingelig sein – wiederzufinden. Was, bitteschön, wäre neu in einem Land, in dem alle Argumente zweimal passieren: erst als Gemeinplätze und dann als Gemeinheiten?
Solange nichts zu prüfen ist, solange ist nichts zu entscheiden. Das mögen sich auch die führenden Politiker dieses glücklichen Gemeinwesens denken, wenn sie mit Vorliebe an Gesetzen basteln, die anschließend von den Gerichten wieder kassiert werden – ganz, als hieße Reform im Wahljahr vor allem, vor Gericht auszutesten, was politisch ›drin‹ ist. Besser wäre es wohl, sie überließen den Wahlkampf dem von kulturell differenten Täter-Opfer-Profilen weithin überforderten Justizpersonal des Landes und widmeten sich ganz dem Sport, zum Beispiel dem Rätselraten, wer mit wem in welcher Kombination dann doch lieber auch nicht… Unbedarfteren Nachwuchskräften wäre unbedingt Wassersport zu empfehlen, der festen Bahnen und des unvergleichlichen Anschlags wegen. Die wichtigste Sportart – Schweigen, gleichgültig, was geschieht – wäre mit Blick aufs Präsidentenamt noch einmal aufzustocken, schließlich kann keiner wissen, ob nicht irgendwann auch ihn das Los treffen wird.
Apropos Los: Man kann die Ungleichverteilung des Besitzes auch unter Gerechtigkeitsreden verstecken, ganz gut sogar, weil Besitz, angenommen, er sei rechtmäßig erworben, weder gerecht noch ungerecht sein kann, es sei denn, man erklärt jeden Besitz für ungerecht. Das sind so Binsenweisheiten, an denen viel Blut klebt, zuviel Blut, um noch einmal in voller Länge durchgekaut zu werden. Die viel wichtigere Frage, wieviel Besitz-Ungleichheit von Staats wegen hingenommen werden sollte, scheint dagegen aufs Ende der großen Legislaturperiode vertagt zu sein, wenn wir alle, die Ältesten wie die Jüngsten, tot sein werden – außer bei einigen Propheten, Mutbürger auch sie, die das Ende des Geldsystems prophezeien und sich positive Auswirkungen auf die Psyche der Superreichen davon versprechen.
Die Deutschen, wider Bismarck sei es gesagt, bringen viel Mut auf, alles so zu belassen, wie es ist, wo sie doch wissen, dass nichts bleibt, wie es ist, dass die Uhren vernehmlicher ticken als je. Sie blinzeln hinüber nach Frankreich, das sich misstrauisch in die Hände des Wunderheilers begibt, und denken sich: »Nett! Das wird schön sein, wenn sie sich abstrampeln. So schlimm wird’s schon nicht werden, dafür haben wir Schäuble.« Überhaupt fänden sie es fein, wenn alle sich abstrampelten und bei ihnen zu Hause geschähe nichts. Das wäre endlich Wahlkampf! Sie sind so daran gewöhnt zu beklagen, dass nichts geschieht, dass ihnen etwas fehlte, geschähe einmal etwas, so wie sie bei jedem neuen Attentat zu sagen scheinen: »Das war’s schon?« Ihrer Presse, die den populistischen Ungeist aus ihnen herauspressen will, statt ihnen Argumente zu liefern, mit denen sich streiten ließe, begegnen sie mit dem Übermut Samsons, der noch nichts von Dalilahs Künsten weiß. »Ach Zensur«, seufzen sie, »wieder so ein Fremdwort, mit dem keiner etwas anfangen kann. Hört das denn niemals auf?« Keiner dieser Seufzer ist echt, sie lechzen nach Weisung und finden, der Jakobsweg biete auch keine Lösung, solange er nicht durchs nächste Shopping Center hindurchführt.
Im Land der Windmühlen muss mancher arme Teufel an die Pedale, der sich seine Karriere einst anders vorstellte, selbstbestimmter irgendwie, auch aufregender und mutiger – jetzt darf er sich das tägliche Quantum Aufregung aus den Rippen schneiden, ohne dass ihm jemand den Stoff dafür lieferte. Wenn ich groß bin, schreibe ich euch alle nieder, so wie der Broder, der kann es sich leisten. Daran erkennt man den klassischen Konformisten: Er weiß sich kritischer als sie alle, bloß in Gedanken. Wie gut, dass man keinen mehr braucht – die Tribüne fest im Blick, die Reihen geschlossen, keine Maus kommt da durch, geschweige denn ein Bonmot.