Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne für Globkult

Illusions perdues

Dienstag, 20. Juni 2017

Phil & Phob. Islamexperten unterwegs


Jeder kennt sie, die Mitreisenden, deren lautstark geführtem Gespräch niemand im Abteil entrinnen kann. Diese zwei, ich nenne sie Phil & Phob, reisten, wie es aussah, ohne Gepäck. Sie tranken Kaffee aus Pappbechern und scherten sich nicht um die verkniffenen Gesichter in ihrer Umgebung. Niemand holte den Schaffner. Nur eine Mutter musterte sie erschrocken und zog ihr Kind mit sich fort. Es herrschte Meinungsfreiheit.
– Wenn weltweit im Namen einer Religion gemordet wird, dann hat diese Religion ein Problem – und zwar als Religion. Der Islam steht da nicht allein. Er steht bloß im Vordergrund. Warum wohl? Vielleicht hätte er keines, wenn stattdessen in seinem Auftrag gemordet würde, was bei einer Religion, einer Weltreligion zumal, schwierig, um nicht zu sagen unmöglich ist, es sei denn, sie würde so straff geführt wie die katholische Kirche…
– die aber, obwohl sie ›katholisch‹ heißt, keineswegs die Christenheit umfasst und noch weniger das Christentum dirigiert.
– Ganz recht. Wenn also das Kampfwort ›Islamophobie‹ bedeuten soll, dass jeder, der auf das Problem aufmerksam macht, als Islamhasser oder Nestbeschmutzer an die Bande gedrängt wird, dann gesellt sich zum ersten Problem ein zweites: nicht allein hat der Islam ein Problem, sondern seine Sprachrohre haben ein Problem damit, es zu benennen.
– Was heißt eigentlich Phobie?
– Phobos: Schaudern, Furcht, Angst meinethalben. Sie wissen doch: Das Theater sollte einmal Furcht und Jammer – Phobos und Eleos – im Zuschauer aufrühren, damit er sich davon freimacht. Übriggeblieben sind Grauen und Langeweile, die bekanntlich niemals weggehen. Im Moment sind dort die Hass-Spezialisten unter sich.
– Der Balken im Auge… Keinen Fuß setze ich da hinein.
– Aber zurück zum Thema. Beim Wort ›Islamophobie‹ springt geradezu der asymmetrische Gebrauch ins Auge: Ausdrücke wie ›Christianophobie‹ oder ›Christophobie‹ sind dem Publikum zwar nicht gänzlich unbekannt, aber weitgehend ungebräuchlich, ganz besonders, wenn damit religiös motivierte Übergriffe auf Christen oder Menschen christlicher Herkunft bezeichnet werden sollen.
– Das kann ich erklären. Das hat damit zu tun, dass die öffentlichen Diskurse, die den Sprachgebrauch in den westlichen Gesellschaften steuern, zivilreligiös geprägt sind, also Religion und Religiosität nur im Rahmen von Rechtsstaatlichkeit und prioritär gedachten Menschenrechten zu thematisieren erlauben.
– Anders ausgedrückt: Wenn Islamophobie – den Ausdruck einmal stehengelassen – den befremdlichen Anspruch einer zugewanderten Religion auf Durchgestaltung aller menschlichen Lebenssphären einschließlich der politischen kritisch bis feindselig begleitet, so kann sie zwar in der Rolle eines Verteidigers der Zivilgesellschaft auftreten, wird aber von den Organen des Staates, die Justiz eingeschlossen, als Gefahr für letztere eingestuft. Da fragt sich mancher: Warum? Die Antwort ist einfach: Weil man Angst hat – Phobos! –, dass sie gewalttätig wird. Religiöse Verfolgung ist der trübe Bodensatz der allermeisten Kulturen. Dem muss rechtzeitig gesteuert werden.
– So sieht es aus. Wer da zu spät aufsteht, kann gleich liegen bleiben. Er ist schon tot.
– Gut gesagt. Doch Vorsicht! Wer über politischen Verstand verfügt, weiß, dass Religion – neben Geiz, Geldgier, sexuellem Begehren, Machtwillen und dergleichen – zwar zu den stärksten menschlichen Antrieben zählt, dass es aber ihrer – im weitesten Rahmen – politischen oder politkriminellen Indienstnahme bedarf, um sie scharfzumachen, soll heißen, sie im Kampf um Macht, Einfluss, Staats-, Rechts- und Gesellschaftsformen als mehr oder weniger verlässlichen Faktor der Parteinahme ins Rennen zu schicken.
– Sie sagen es. Religion lebt von der allzu menschlichen Fähigkeit, durch die Finger zu sehen, das heißt, den Bestand ihrer heiligen Schriften, Mythen und Legenden immer wieder mit der Wirklichkeit abzugleichen, ohne darüber allen Glauben zu verlieren oder als Fanatiker der Wirklichkeitsveränderung zum Schrecken der Mitwelt zu mutieren.
– Was immer wieder vorkommt.
– Was vorkommt. Eine déformation professionnelle.
– Oder ihr Gegenteil. Religion ist etwas, dessen sich der Durchschnittsmensch bei feierlichen oder traurigen Anlässen erinnert, etwas, dessen kleine und große Riten seinen Alltag gliedern und das seinem Denken bestimmte Hauptlinien einzieht, abseits derer er dazu neigt, die Orientierung zu verlieren – vor allem in Krisenzeiten, in denen andererseits immer die Möglichkeit besteht, dass er völlig auf sie zurückgeworfen wird – im Guten wie im Schlechten. Im Normalzustand liegt sie bei zehn, in bestimmten Weltgegenden vielleicht bei 20 Prozent, wenn Sie verstehen.
– Sagen wir doch, wie’s ist. Religion ist Herkunft – nicht die lokale, nicht die familiäre, nicht die ethnische, aber doch Herkunft, also im konkreten Alltagsempfinden der Menschen, das nicht nach getrennten Identitäten sortiert, mit all diesen Faktoren verbunden: Rom, Mekka, Jerusalem, der Zwarte Piet und die Dresdner Christstollen. Man erinnert sich dran, wenn es ansteht. Christlichen Glaubenspuristen mag das ebenso wenig schmecken wie den internationalen Brigaden des Dschihad, aber es ist nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen. Wer Religion an dick aufgetragener Frömmigkeit oder Glaubensinbrunst misst, kommt leicht auf die Idee, in der modernen, säkularisierten Welt, die sich selbst die entwickelte nennt, sei dergleichen nicht mehr wichtig und erweise sich mehr und mehr als überflüssiger Ballast.
– Mit diesem Aberglauben sollten die letzten Jahrzehnte aufgeräumt haben.
– Einspruch, Euer Ehren. An seine Stelle ist ein naher Verwandter getreten: die durch keinen Misserfolg zu brechende Überzeugung, man könne die menschlich anrührenden Aspekte von Religion in die Zivilgesellschaft integrieren und die befremdlichen, vor allem die bedrohlichen in einen Abfallkübel entsorgen, den man wahlweise ›Mittelalter‹ und ›Vormoderne‹ nennt, ohne ihn jemals zu leeren, und sei es auch nur, um zu kontrollieren, was alles sich darin findet.
– Ganz meine Rede. Dem Islam wird dabei die Rolle des Pudels zugedacht, der all die verfassungs- und zivilrechtlich erzwungenen Artigkeiten noch zu lernen hat, die an den angepassten christlichen Kirchen ins Auge springen. Darin besteht der Zweck der interreligiösen Dialoge ›auf Augenhöhe‹, der Gemeinsamkeits-Schwärmerei um die ›drei Buchreligionen‹ (warum eigentlich nur diese?) sowie der staatlich und halbstaatlich organisierten Gesprächsrunden, in denen die Konturen des künftigen Euro-Islam ausgelotet werden sollen, als handle es sich um eine besonders prekäre Passage auf dem Weg ins große vielstimmige Geplaudere über die letzten Dinge und das, was besser davor unter Dach und Fach gebracht werden sollte.
– Man will dem Islam Institutionen einziehen, die in etwa denen der christlichen Kirchen im Lande entsprechen, man will ihn dadurch europäisieren, soll heißen, ihn als ›Konfession‹ unter anderen reanimieren. Das ist gut europäisch gedacht, es bewegt sich, vor allem in Deutschland, dem Land der konfessionellen Spaltung, in den Bahnen einer Geschichte, der, als Ende und Anfang, die Furcht und Hoffnung des Dreißigjährigen Krieges eingeschrieben bleibt…
–… kein gutes Omen…
– … für einen Dialog, in welchem der anderen Seite dieses oder ein vergleichbares historisches Gravitationszentrum zur Gänze fehlt. Das historische Kräftemessen zwischen Islam und Christentum kennt definitiv keinen Frieden von Münster, es bleibt, gleichgültig, was die Auguren der Weltgesellschaft darüber verbreiten, weiterhin offen. Wer das verkennt, verkennt, dass er bereits als Euro-Christ, also als Christ oder Post-Christ argumentiert.
– Wie denn sonst?
– Wie denn sonst. Der politische Islam, soll heißen, der real existierende, postkolonial erregte, über unermessliche Geldmittel und den entsprechenden Einfluss verfügende Islam, der sich nicht damit begnügt, Allerweltsreligion zu sein, sondern überall auf politisch-institutionelle Gestaltung pocht, ist ebenso zerstückelt wie die Interessen der Mächte, die sich seiner bedienen. Er wird sich aber ebenso einig sein, wenn es darum geht, sich gemeinsame Vorteile dort zu erstreiten, wo sie auf der Hand liegen und der Appell an den Glauben genügt, Anhängerschaft zu mobilisieren.
– Er kann jede Verbindung zum Terror weit von sich weisen und weiß doch, dass jeder künftige Anschlag in seinem Namen auf ihn zurückfallen wird.
– Er kann auch, einmal in Europa etabliert, jede Verbindung zu seinen Herkunftsländern verleugnen. Trotzdem wird er, von Gläubigen wie von Gegnern, an ihren Standards gemessen werden. Wenn das Schicksal des libyschen Terrorpaten Gaddafi ihm eines gezeigt hat, dann dies, dass es mit dem Abschwören nicht getan ist, solange die Interessenlagen in unterschiedliche Richtungen weisen.
– Ganz recht. Und was den islamischen Fundamentalismus angeht: Europa muss sich nur seiner eigenen ideologischen Räusche erinnern, um zu begreifen, dass dessen Mobilisierungsmacht quer durch alle politischen Lager reicht und vermutlich von niemandem effektiv kontrolliert werden kann –
– was nicht ausschließt, dass man sich seiner hinter den Kulissen bedient.
– Natürlich nicht. Das macht die Lage so unübersichtlich. Kratze am IS und du kannst dir den Geheimdienst aussuchen, den du finden willst.
– Das bedeutet dann wohl: ›Islamophob‹ ist nach gängiger Lesart, wer Ängste vor dem Alltags-Islam schürt, weil er den politischen Islam und die ihm innewohnende Mobilisierungskraft fürchtet.
– Über den Realitätsgehalt solcher Ängste ist damit gar nichts nichts gesagt.
– Wie sollte es auch? Das Reizwort ›kulturelle Überfremdung‹ verdeckt, dass hier ein politisches Ringen begonnen hat, in dem nicht bloß Werte zur Disposition stehen, sondern die Macht im Staat und – letztlich – seine Institutionen.
– Man wird sehen.