Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne für Globkult

Illusions perdues

Freitag, 26. Mai 2017

Die Katze lässt das Mausen nicht oder: So gewinnen wir die Wahl!


Wenn ich, Siebgeber, mich einst dessen brüstete, den letzten nichtkomponierten Udo-Lindenberg-Schlager geschrieben zu haben, der das Zeug zum Welt-Bestseller besaß, so mache ich mich heute anheischig, dem Wahlprogramm einer der im Bundestag vertretenen Parteien (ich verrate nicht, welche, und rechne auf den gesunden Selbsterhaltungsdrang ihrer Spitzenpolitiker) die dringend benötigten Glanzlichter aufzusetzen. Keiner drängt sich zu so einer Arbeit, aber wie der Wattprediger zu heucheln pflegt: Wat mutt, dat mutt.
Es gilt, den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes Auswege aus ihrer selbstverschuldeten Not aufzuzeigen, Auswege, wie sie sonst nur auf Kirchentagen diskutiert und hin und wieder beschritten werden, fröhlichen Herzens und bar des gesunden Menschenverstandes samt seinen gewöhnlichen Begleitern, als da sind Skepsis, Beherrschung der Grundrechenarten und Fairness gegenüber jenen Menschen im Lande, die zwar nicht als Andersdenkende, dafür aber als denkende Menschen angesprochen sein wollen.
Zum Teufel mit den denkenden Menschen! Denken Sie so? Wenn Sie so denken: Hier liegen Sie richtig. Sie sind Politstreber? Streben Sie zu Gott! Die Not, die neue soziale Not: Worin besteht –? Ach, Sie wissen es nicht? Fragen Sie Ihren Seelsorger, er weiß Bescheid und vermittelt Sie weiter.
Es ist, wie bekannt, der Terror der Wahlkabine, der den Mitmenschen in undemokratische Schreckstarre verfallen lässt: Wen darf ich? Wem darf ich? Darf ich überhaupt? Darf ich dürfen? Darf ich danach gedurft haben, angenommen, ich hätte gedurft und dürfte mich daher nicht ... wundern? Beschweren? Berichtigen? Übergeben? Im Land der Dürftigen ist das Dürfen der Ernstfall. Wer seiner bedarf, wird den Verdacht nicht mehr los, er ließe es ohnehin lieber sein und trollte sich unters Sofa zu all den Spielsachen, die seit dem letzten Besuch des Weihnachtsmanns dort unvergessen herumliegen und einstauben. Apropos Troll: Wann haben Sie zuletzt...? Sie mögen Facebook nicht mehr? Es ist Ihnen zu laut, zu speckig, zu ordinär? Ja dürfen Sie denn...? Ich sage Ihnen, damit Sie es wissen und später nicht behaupten könnten, niemand habe es Ihnen gesagt: Drei Tage ohne Facebook und Sie sind bereits im Visier. So sieht es aus. Sie müssen schon hingehen, wenn Sie ordentlich kontrolliert werden wollen.
Ich komme auf mein Angebot zurück. Die Partei – meine Partei, ich verrate sie aber nicht – wäre schon deshalb gut beraten, es anzunehmen, weil die rabiate Blickverengung, unter der sie seit einigen Jahren leidet, sie den Realitäten hinreichend entfremdet hat, um den Zukauf von Fremdintelligenz angesichts hungriger Kassen nicht nur zu rechtfertigen, sondern zwingend geboten erscheinen lassen. Ach, denken Sie, die meint er –? Sehen Sie, das ist die Katze im Sack. Ich schreibe etwas Kritisches und Sie wissen schon, wer gemeint ist. Nein, meine Partei ist nicht die, an die Sie jetzt gerade denken. Gerade sie ist es nicht. Woher ich das weiß? Wissen Sie denn, an welche Partei Sie gerade denken? Dann frage ich Sie: Ist das Ihre Partei? Sehen Sie hin, schauen Sie nach, forschen Sie: Es wird Ihnen Hören und Sehen vergehen, bevor Sie feststellen, es kommt nichts dabei heraus. Was soll denn herauskommen? Was sollte herauskommen, wenn es nach Ihnen ginge? Sind Sie bereit, etwas hineinzustecken? Nein? Dann sind Sie Parteigänger und gehören ins Altenheim.
Dem sei, wie es wolle, mein Angebot gilt für die nächsten drei Wochen, dann ist Schluss. Lehnt sie ab, dann gründe ich eine Stiftung und erkläre mich für parteipolitisch neutral.
Selbstverständlich möchte ich nicht, dass meine – meine! – Partei die Katze im Sack kauft, deshalb hole ich sie hiermit heraus und lege sie auf den Tisch des Hauses. Ein großes Tier! Manch einem wird sich das eine oder andere Nackenhaar aufstellen und ein leichter Schauder den Rücken herunterlaufen. Das ist normal, das ist ganz natürlich. Schauen wir das Tier einmal an. Es besitzt ein zärtliches Maul, in dem zwei Reihen dolchscharfer Zähne blitzen, eine oben, eine unten, das klärt sich, als Lektion, fast von alleine auf: Beim Thema Sicherheit setzen wir nicht nur, wie gewohnt, auf den Zugriff von oben, sondern in gleichem Maße, also in höherem Maße als bisher, auf den Zugriff von unten. Wie ist das gemeint? Blicken Sie auf die Katze! Sie schmeichelt, sie reibt sich, sie putzt sich, und dann schlägt sie zu. Nein, sie zerquetscht ihr Opfer nicht, sie schenkt ihm die Illusion der Freiheit, sie lässt es laufen. Kluges Tier! Der Zugriff von unten, quasi aus der Reserve, macht jede Freiheit zunichte, während der von oben – scheinbar – Freiheit gewährt. Genial! Das muss begriffen, durchdacht und in Gesetzesform gebracht werden.
Forschen wir weiter. Die Katze, als gewitztes Säugetier, macht instinktiv einen Buckel bei dem Gedanken, ein größeres Tier, zum Beispiel ein Hund, könnte auf ihrem Hof als Aggressor (sic!) aufkreuzen – auch das ein Aspekt der Sicherheit, aber ein anderer. Der Buckel, von Politikern gern als Bückling interpretiert, schützt eine Größe vor, die so nicht existiert, aber existieren könnte. So sieht es aus. Er ist das genaue Gegenteil von Camouflage, der Kunst, sich vor dem Feind unsichtbar zu machen und den Freund hinters Licht zu führen. Ein richtiger Buckel führt niemanden in die Irre und grenzt niemanden aus. »Ein Buckel!« jubeln die Leute und denken im Stillen: Die Katze lässt das Mausen nicht. Sie verschiebt es nur, bis der Hund wieder weg ist.
Oh meine Partei! Dieser Buckel, ich verrate es, ist die Kunst, einen Trump an die Wand zu malen, um einem Putin zu imponieren und nebenher ein paar Landtagswahlen zu gewinnen. Kein Banksy dieser Welt sprüht so köstliche Trumps an die Wand wie meine Partei, vorausgesetzt, sie lässt mir freie Hand und unterbricht mich nicht, wenn ich die Hunde füttere. Die Hundefütterung, damit komme ich zum Kern meines Vorschlags, übernehme ich zur Gänze, vorausgesetzt, wir können uns auf einen angemessenen Preis einigen und die Partei schafft mir die Flöhe vom Hals.
Laut Platon sind die Hunde, nächst dem Kopf, das wichtigste Element im Staat, sie müssen separiert, gepflegt, versorgt und bei Laune gehalten werden – rund um die Uhr und rund ums Jahr, dazu um den Globus, wenn man die erdnahe Raumfahrt, als Massenfaktor der Zukunft, erst einmal beiseitelässt. Am besten sperrt man sie in große öffentliche Sendeanstalten, dort können sie den wenigsten Schaden anrichten und stehen zur Verfügung, wenn man sie braucht. Wenn man sie braucht ... ich sehe das diabolische Funkeln in den Augen einiger Funktionäre, aber ich warne sie bereits jetzt: Diese Schlacht werden sie immer verlieren, sie sind ja schon auf der Verliererstraße und verlieren sich jeden Tag mehr im Gestrüpp.
Sie werden gesehen haben, dass meine Katze vier Beine besitzt: eines, um vorwärts, eines um rückwärts, eines, um rechts, und eines, um links abzubiegen. Alles zu seiner Zeit! Mein Vorschlag: Lassen Sie die Katze in Ruhe und Sie werden sehen, wie sich alles von selbst reguliert, wie jedes Bein, kommt Zeit, kommt Rat, linksum schwenken kann, dass es eine Pracht, aber ebenso rechtsum, sobald die Zeit hart und guter Rat teuer ist. Eine Katze ist kein Automat, sie läuft nicht geradeaus, wenn dort eine Wand ist, es sei denn, sie hat ein Mauseloch erspäht und nimmt davor Aufstellung. Die Katze, heißt das, besitzt eine Witterung für das, was vorgeht und für das, was kommt, sie kommt gar nicht auf die Idee, sich als Kommende zu betrachten, und versuchte man sie ihr beizubringen, so brächte man sie zum Lachen – die erste lachende Katze, allerdings nur für einen Moment, denn anschließend schämte sie sich zu Tode. Wer ersetzt mir den Schaden? Ich bitte Sie: Wer ersetzt mir den Schaden?
Die Parteien kommen und gehen, sprach Genosse Stalin, der weiter im Osten wieder Konjunktur hat, man weiß nur nicht welche. Das bringt mich auf einen weiteren Punkt, der, ich gestehe es, mir sehr am Herzen liegt. Im Grunde liegt hier der Hase im Pfeffer, wenn Sie schon Jagd auf meine Beweggründe machen. Was Osten ist, das bestimme ich. Osten ist dort, wo meine Katze das Mausen nicht lässt. Ich werde diesen Gedanken auf dem nächsten Parteitag zur Abstimmung stellen und anschließend Mauspapier horten, auf dem sich gedruckte Lügen von selbst mit Angstkot vermischen.
Sie merken, ich bin, einmal erworben, ein gestrenger Herr – die Katze im Sack, ich vergaß, es zu erwähnen, bin ich.
Ich, ich und noch einmal ich: Ich bin die große Zeit, die jetzt anbricht und hinter mir auseinanderfällt, auch wenn mein Diplom nicht erschwindelt ist und meine Hausapotheke in Dinslaken steht. Das Prinzip Ich ist in meiner Partei relativ neu, wenige wissen es so zu bedienen, dass es dem Parteifreund nicht die Füße zerquetscht, es hat seine Leistungsfähigkeit noch nicht unter Beweis gestellt und verdient es, mit der Wucht eines Tornados über das Land zu wirbeln, vorausgesetzt, es respektiert seine Grenzen und erregt die planetarischen Wetterfrösche nicht über Gebühr. Meiden Sie Brüssel! Ich sage nur: Meiden Sie Brüssel! Auch Jerusalem ist ein gewiefteres Pflaster, als so ein Ego im Aufbau sich das denkt.
Denken Sie oft an die Zukunft? Fühlen Sie sich in ihr wohl oder haben Sie Ängste? Reden Sie offen darüber und wir holen Sie ab.
Die wahre Zukunftsschlacht wird an den inneren Grenzen geschlagen, dort, wo der Mensch mit sich zu Rate geht und keinen Rat findet. Mein Rat: Finden Sie Rat, bevor Sie Rat zu geben versuchen. Die Ratlosen verfügen über die rätselhafte Fähigkeit, ihresgleichen aus jedem Pulk herauszuschnüffeln, der über ihre Interessen hinweggeht und lauthals verkündet, das müsse im Interesse der Zukunft so sein. Zukunft hat kein Interesse, sie regt nur Fragen an, wie es weitergeht. Das weiß auch die Katze im Sack, sie wartet ab, bis der Sack aufgeht, dann ist sie da. Ein exzellenter Wähler, wenn Sie mich fragen. Daher ein letzter Rat an meine Partei: Begehen Sie nicht den Fehler, sie für dumm zu verkaufen und sich anschließend zu beschweren, sie habe Sie nicht verstanden und hinke überhaupt mit dem Verständnis der Weltverhältnisse nach. Und ein allerletzter: Begehen Sie nicht den Fehler, Fehler zu begehen. Es könnte Ihr letzter sein.
Die Katze im Sack registriert alle Fehler im voraus und straft sie gnadenlos ab. Nur mit den Jungen geht sie etwas sorglos um, das ist wahr, das verbindet sie mit der Politik und macht sie ebenso weltläufig. Zeigen Sie ihr Grenzen auf und sie bewegt sich schon jenseits davon, denn sie hörte ein Rascheln, während Sie sie belehrten.
Partei, was nun? Die Wette gilt? Ich vergaß, es gilt keine Wette, es gilt das gesprochene Wort und das nur bedingt. Mein Angebot steht. Glauben Sie nicht, Sie hätten mich schon erraten.