Dienstag, 16. August 2016

Trommeln in der Nacht


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Hat eigentlich jemand in der letzten Zeit festgehalten, dass die Anti-Trump-Kampagne so ungefähr das Verlogenste, Unfairste, Niederträchtigste und Hinterhältigste ist, was in diesen Wochen und Monaten durch die Medien rollt? Man kann das ohne die geringste Sympathie für den Kandidaten der Republikaner feststellen, über dessen virtuelle, möglicherweise bald schon reale Regierungskünste die Welt offenkundig genausoviel weiß wie der hiesige Durchschnittsjournalismus über die Grammatikregeln der ihm von anderer Seite auferlegten Sprache – nämlich nichts.
Man muss dazu nichts wissen, es genügt das einfache Lesen und Zuhören, um zu begreifen, dass eine als Rassist, Perverser, Schwachkopf, Irrer, Psychopath, Verräter, Sexist, Frauenhasser, überhaupt Hasser, ›Narzisst‹ (immer wieder beeindruckend dieses Wort!), Betrüger, Großmaul, schwaches Ego, von Unterlegenheitsgefühlen gebeutelter, lächerlicher, naiver, bedrohlicher, dämonischer, waffennärrischer, mit allen schmutzigen Wassern gewaschener, patriarchalischer, selbstherrlicher, sprachunfähiger, ungebildeter, unwissender, pöbelnder, sachfremder, den Tod fürs Vaterland besudelnder, auf politischen Mord spekulierender, von sämtlichen guten Geistern, Beratern und Ex-Biographen verlassener Scheinunternehmer, Scheinmilliardär, Scheinkandidat (»Will er überhaupt…?«) und Putin-Double verhöhnte und denunzierte Person, sagen wir … schon über ein ganz eigenes Flair verfügt. Und das, obwohl das tödlichste aller Attribute in der Liste noch gar nicht auftauchte: das Böse.
Es handelt sich, wohlgemerkt, um einen Kandidaten, der, weitgehend an der eigenen Partei vorbei, bisher jeder negativen Prognose, jeder pseudointellektuellen Abfertigung zum Trotz sich beim Wahlvolk eine Ausgangslage verschafft hat, die seine Wahl zum Präsidenten nicht besonders unwahrscheinlich aussehen lässt. Nicht unwahrscheinlicher jedenfalls als die seiner von Email-Skandal, Libyen-Syrien-Verstrickung, unguten Nominierungspraktiken, Korruptions-Verdächtigungen (Assange jüngst im Interview) und neuerdings einem ungeklärten Todesfall in ihrer Partei nicht eben auf Rosen gebetteten Mitbewerberin, die sich offenbar als fleischgewordene Fortschreibung der geltenden Weltordnung in den Gemütern beunruhigend phantasiearmer westlicher Kolumnisten und Parteistrategen einen heilsgeschichtlichen Extra-Status erworben hat, ohne dass man wüsste woher und wozu.
Ist das noch Hohn? Ist das noch Denunziation? Lässt es sich, wenigstens ansatzweise, als Kritik deuten? Es ist vor allem lächerlich. Neben Verstand und Fairness geht dabei etwas flöten, das man in politischeren Zeiten als ›Umsicht‹ bezeichnet hätte, also jene politische Tugend, der alle begehrten skills erst ihre Daseinsberechtigung verdanken. Aber vielleicht macht sich ebenso lächerlich, wer inmitten des abrollenden Spektakels ein Wort wie Tugend verwendet, auch wenn in diesem Zusammenhang weder Keuschheit noch Ehre der Anwärter auf dem Spiel stehen, sondern nur die Erwartungen gepeinigter Länder und Individuen, von denen es offenbar immer mehr als genug gibt, um hochmütig darüber wegzuschreiten. Es fällt auf, dass der mit dem Makel des Bösen geschlagene (und schlagende) Kandidat die einfühlsameren Worte findet, sobald es um diese Klientel und ihre Schicksale geht. Genauso fällt auf, dass die Meute sich nichts angelegener sein lässt als gegen diesen Teil seiner Aussagen anzuschreien, sie buchstäblich vor Augen und Ohren des Publikums akustisch zu zerreißen.
Wenn Obama außenpolitisch als Realist, Clinton hingegen als idealistische Interventionistin durchgeht, wie soll man dann Trumps Ankündigungen taxieren? Als ökonomischen Nationalismus? Als dämonischen Multipolarismus? Als unerträgliche Gleichstellung ›guter‹ und ›böser‹ Staaten? Als einseitig an privaten Geschäftspraktiken orientierte Realpolitik? Als Einsicht in die Notwendigkeit, Amerikas strategische Partnerschaften auf eine erwartungsbereinigte Basis zu stellen? Als Verzicht auf das globale Exekutivrecht der Exceptional Nation angesichts leerer Köpfe und Kassen und sich verschiebender internationaler Gewichte? Als Angebot an die Europäer, das Schicksal ihrer Region in die eigenen Hände zu nehmen? Mag sein, mag nicht sein. Auffällig jedenfalls bleibt, dass gerade Trumps ›umstrittene‹, in beliebiger Zahl und Lautstärke wiederholte Äußerungen (Mauer an der mexikanischen Grenze etc.) sich, nüchtern betrachtet, kaum von der gegenwärtigen Praxis abheben. Wenn hier ›Populismus‹ im Spiel ist, dann sicher auf beiden Seiten. Welchen Grund wohl mögen europäische Politiker haben, sich mit einer Hast von der Idee einer veränderten Lastenteilung im militärischen Sektor der westlichen Wertegemeinschaft zu distanzieren, als hätten sie sich beim bloßen Anhören den Magen verdorben und müssten dringend ins Krankenhaus? Die Todesmühlen mahlen, die Waffengeschäfte florieren, der Terrorismus, dessen Bekämpfung dies alles diente, rückt in die europäischen Städte vor –: Zeit wäre es, öffentlich über eine Politik zu diskutieren, die diese Situation wissentlich, willentlich und überaus fahrlässig herbeigeführt hat und, um Nietzsche zu zitieren, »gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend« es versäumt, von Illusionen Abschied zu nehmen, offenbar, weil selbst eine illusionäre Politik den Geschäften dienlich ist, denen am Ende alles dienen muss.
Zur Wahl, soviel steht fest, werden die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika aufgerufen. Von einer Beteiligung deutscher Staatsbürger an der anstehenden Entscheidung ist nichts bekannt. Deutsche mögen vom politischen Verstand der Amerikaner (und ihrem eigenen) halten, was sie wollen sie haben keine Wahl. Sie werden aber mit dem, was sich jenseits des Atlantik glättet oder zusammenbraut, leben, das heißt zurechtkommen müssen. Ob hemmungslose Kandidatenbeschimpfung dem dient, ist eine Frage, die jedem, dem sie im Ernst gestellt werden muss, vor die Füße fällt. Wer die AfD in Florida zu bekämpfen glaubt, der sollte besser um einen Termin beim Therapeuten nachsuchen. Apropos: Die American Psychiatric Association, die Standesgesellschaft amerikanischer Psychiater, hat aus gegebenem Anlass ihre Mitglieder darum gebeten, kühlen Kopf zu bewahren und sich einer jetzt 43 Jahre alten Zunftregel zu erinnern, Goldwater rule: Es sei nicht nur unethisch, sondern auch unverantwortlich, mittels Fernanalysen in den Kampf um die Macht einzugreifen. Das ist doch etwas.
Während der amerikanische Wahlkampf seine karnevalesken Züge auslebt, faselt sich eine sektiererische, argumentscheue, parteigängerische Öffentlichkeit hierzulande ins gedankliche, politische, moralische und demokratische Abseits. Das ist schlimm, das ist geschmacklos, das ist verheerend für die eigenen Belange in naher Zukunft und es wäre unverständlich, ginge es dabei mit rechten Dingen zu. Deutschland im Sommer: ein Land, das seinen Verstand gern in Europa abgäbe, wenn es denn eine Telefonnummer hätte und Amerika ihn herausrücken würde.



Kommentare:

Hans-Ulrich Hauschild hat gesagt…

Lieber Herr Siebgeber,

ich bitte zunächst um Nachsicht, dass ich mich persönlich an Sie wende. Technisch weiß ich auch keinen besseren Weg als den dieser Kommentarfunktion. Ich will, da ich nicht weiß, wie Sie auf diese Nachricht reagieren und natürlich auch, um Ihre Zeit nicht besonders zu beanspruchen, mich kurz fassen. Sie haben mich ermutigt, weiter zu schreiben, meine Auffassungen also in das Netz zu stellen. Dafür danke ich Ihnen. Da sich offenkundig ein sehr nachdenklicher, differenziert denkender und schreibender Mensch sind, möchte ich Ihre Auffassung zu der aktuellen Politik kennen lernen. Natürlich nicht in Gänze. Nur an einem Punkt. Viele Menschen, gut und böse, klug und dumm, human und gleichgültig schreiben: ablehnend, differenziert zustimmend, differenziert ablehnend oder einfach nur vollständig affirmativ. Meine Ehrauffassung, teilweise ordentlich begründet, können Sie schon aus meinem Marquard-Artikel herauslesen. Ich meine aber nun zu sehen, dass der Versuch einer intellektuellen dem aufgeklärten Denken verpflichteten Minderheit, ein wenig Rationalität in die debatte zu bringen, vergeblich ist. Er scheitert an der im Marquard – Artikel beschriebenen hypermoralsichen Geste der bunten, dünnen Oberschicht, die immer Recht hat, weil sie vermeintlich das gute Prinzip vertritt. Mit diesem Prinip können Sie, was ja wohl gerade geschieht, den Rechtsstaat, die Demokratie und die Verfassung aushöhlen, erledigen. „Deutschland schafft sich ab“ titelt heute ychis Einblick – und meint damit die wohl rechtswidrige Verhaltensweise des Justizministers gegenüber der Staatsanwaltschaft bei einer Einstellungsvefügung zugunsten von Heiko Maas. Ich empfinde dies genauso.
Mein Fraage an Sie: nutzt schreiben, kämpfen an der intellektuellen „Front“ etwas? Was sollen wir sonst tun? Denn Wahlen bringen nichts mehr in Zukunft, weil eine wirkliche Wahl nicht stattfinden kann, noch nie war eine politische Wahl und ihr Ergebnis für die Entscheidungen dieser dünnen Oberschicht so unerheblich. Denn: die repräsentative Demokratie sucht sich wohl besonders derzeit genau das Ergebnis heraus, was ihr die Fortsetzung der aktuellen Politik ermöglicht. Die Leute wählen sagen wir CDU, weil sie konservativ und liberal, oder katholisch oder einfach nur linientreu sind. Sie mögen gegen die Flüchtlingspolitik das eine und andere einzuwenden haben, sie wählen trotzdem Und handeln sich damit genau das ein, was sie nicht wollen. Ein Parteiprogramm, weshalb man im Idealfall eine Partei wählt, ist vielfältig. Und daraus gilt nach der Wahl genau das, was opportun ist, alles andere nicht. Der Wähler ist der Betrogene. Die Republik wandelt sich von der repräsentativen in die repressive Demokratie und ist dann keine mehr.
Also aussichtslos? Was tun?
Danke, dass Sie mir zugehört haben Ich kann selbst im Internet nur noch mühsam lesen, weshalb ich vielleicht auch bei Ihrem Trump-Artikel etwas übersehen habe. Und weshalb auch dieser Text vielleicht fehlerhaft bleibt.
Ihr
Hans-Ulrich Hauschild

Ulrich Siebgeber hat gesagt…

Lieber Herr Hauschild,
zunächst meinen Dank für die aufmerksame Lektüre meiner Artikel. Im Trump-Beitrag haben Sie nichts übersehen, Sie haben, im Gegenteil, den Kern meiner Argumentation recht präzise herausgestellt. Die Anmerkung in der Diskussion war eher eine Ergänzung, die einen meist verschwiegenen Aspekt der Angelegenheit ins Licht rücken sollte. – Sie fragen: "nutzt schreiben, kämpfen an der intellektuellen 'Front' etwas? Was sollen wir sonst tun?" Die erste Antwort darauf lautet natürlich: Ja, es nützt etwas. Was es nützt, wem es nützt, in welchem Umfang, in welchem Zeitraum und zu welchen Ende, das entzieht sich dem Intellektuellen notwendigerweise, es ist nicht seine Aufgabe, darüber zu befinden, es sei denn, er begibt sich auf das Gebiet politischer Programme und konkreter Handlungsanweisungen. Mit der Mehrheit zu denken, reden oder schreiben, ist vergleichsweise komfortabel, aber auch unergiebig, wenn man von der Postenjagd einmal absieht. Die Aufgabe des Intellektuellen beginnt dort, wo das Vorurteil triumphiert: sie besteht darin, das Voreilige und – auf mittlere oder lange Sicht – Vergebliche dieses Triumphs darzulegen. Das ist, wie gesagt, der allgemeine Teil meiner Antwort. Ich sehe natürlich die von Ihnen beschriebenen öffentlichen Mechanismen und kenne die resignativen Anwandlungen, denen man ausgesetzt ist, wenn man dagegen anschreibt. Wenn ich mit jungen Leuten rede, sage ich ihnen: Geht in die Parteien! Lasst euch das Parteiensystem, lasst euch das Land nicht aus der Hand nehmen! – Das ist die eine Seite der Sache. Die andere Seite ist das intellektuelle Geschäft. Ich bezweifle zum Beispiel, dass die heutige Rede von den abgehobenen Eliten und ihrer Hypermoral den Sachverhalt ganz richtig beschreibt. Der Druck geht nicht von den Eliten aus, er herrscht auch innerhalb der Eliten. Ein starker Druck geht von den Medien aus, aber auch in den Medien herrscht starker Druck. Auch unsere Politik steht unter Druck, über Art und Herkunft darf spekuliert werden und wird spekuliert. Schließlich ist die Hypermoral, da nicht alltagstauglich, nur ein Mäntelchen über der real existierenden Unmoral: das funktioniert unten wie oben, es funktioniert unten sogar besser als oben, weil die Differenzierungsinstrumente oft nicht funktionieren. Deshalb die Abstimmungsergebnisse und Mehrheitsverhältnisse. Wo Druck erzeugt wird, muss man sich fragen: Wer erzeugt ihn und welche Ziele verfolgt er damit? Aber auch: Was versetzt ihn in die Lage, Druck auszuüben? Und schließlich: Welche Kräfte, Druck und Gegendruck, sind ganz allgemein im Spiel? In welcher Welt wollen, sollen und können wir leben? Solchen Fragen nachzugehen ist nicht so einfach. Eine Zeitlang schien es vielen so, als sei dies die Aufgabe des investigativen Journalismus und man brauche keine Intellektuellen, die den Praktikern die Welt erklären. Das war wohl ein Irrtum. – Ich erspare mir an dieser Stelle eine Situationsbeschreibung, die in manchem der Ihren entspräche. Was folgt daraus? Ich bin, denke, artikuliere, mache mich vernehmbar: also bin ich ein Teil des Spiels wie alle anderen auch. Wenn ihr einen Feind braucht: Ich brauche keinen. Wenn ihr glaubt, ich könne euch nützlich sein: gut. Wenn meine Rede vergeblich bleibt: auch gut. Ich bleibe, so wie ihr bleibt. Wenn ich gehe, dann habe ich wenigstens gelebt.
Ihr Siebgeber

Hans-Ulrich Hauschild hat gesagt…

Lieber Herr Siebgerber,
ich will unsere wichtige Korrespondenz räumlich und zeitlich nicht überstrapazieren, allein: einige Bemerkungen noch zu Ihrer sehr weiterführenden Antwort. Es ist ja richtig, dass Intellektuelle zunächst die Pflicht haben, das, was sie meinen erkannt zu haben, auch zu veröffentlichen, als zusammenfassend, also ganzheitliche, Darstellung dessen, was der Fall ist. Darüber hinaus jedoch gibt es, so weit ich sehe, keinen Intellektuellen, der nicht wenigstens implicite eine Utopie vermittelt. Und genau dafür trägt er – sie – dann die Verantwortung, auch dafür, ihre Umsetzung zu promovieren. Sonst bleibt er fruchtlos. Ich habe dabei weder Heidegger noch Platon im Sinne. Ersterer jedoch, dessen Philosophie ich nicht mag, hatte wohl den Eindruck genau dieser Fruchtlosigkeit seines Denkens und Sprechens, wozu er auch allen Anlass hatte. Seine späteren heftigen, unappetitlichen, Ausflüge in das, was er Realisierung seiner Erkenntnisse nannte mit Hilfe des Führerstaates, sind natürlich abschreckend. Aber es ist nicht denkbar, dass die Dichtung Schillers, die immer schon weit weg war von der Klassik Goethes, auch wenn beide es nicht wussten oder wahrhaben wollten, die Philosophie Kants und Fichtes drängten zur Geltung in der bürgerlichen Gesellschaft. So etwas schwebt mir auch vor. Bei Fichte wird es ja sehr detulich, welchen Einfluss er auf die Jugend des beginnenden 19. Jahrhunderts hatte.
Allerdings gebe ich zu und räume ein, dass google+ kaum der richtige Ort dafür ist, der doch?
Lassen wir es dabei für das Erste.
Es grüßt ein dankbarer
Hauschild

Ulrich Siebgeber hat gesagt…
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