Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne auf Globkult

Illusions perdues. Ältere Einträge

Sonntag, 17. Juli 2016

The turn of the screw. Zwischenbetrachtung

Karlheinz Deschner, der sich herausnahm, Religionsgeschichte als Kriminalgeschichte zu schreiben, brachte es doch kaum weiter als zur Geschichte der – allerdings monströsen – Verfehlungen einer welthistorischen Institution: der katholischen Kirche. Nicht im Traum wäre es ihm eingefallen, den einfachen Kirchgänger für die Machenschaften verblichener Kirchenfürsten und ihrer Helfershelfer haftbar zu machen. Allenfalls wollte er ihm die Augen öffnen, Aufklärung betreiben in jenem ältesten und unverfänglichsten Sinn, der sich aus dem Wort allem Missbrauch zum Trotz nicht ganz vertreiben lässt.
Noch weniger allerdings scheint Deschner der Gedanke in den Sinn gekommen zu sein, ein ›Volk‹, das heißt Millionen unterschiedlichster Menschen mit einerlei Pass und einer im zarten Schulbuchalter stets aufs Neue verpassten Geschichte komme als Träger eines sich von Generation zu Generation erneuernden Unrechtsbewusstseins in Betracht. Gleichwohl wäre er vermutlich nicht angestanden, ›die Deutschen‹ oder ›die Türken‹ oder ›die Spanier‹ oder ›die Engländer‹ oder wen auch immer mit den Abgründen der eigenen Geschichte zu konfrontieren. Wer stolz oder verwegen genug ist, sich und seinesgleichen eine Geschichte auf den Leib zu schreiben, der muss es aushalten, dass die ganze Geschichte auf den Tisch kommt – sei es, um den dummen Hochmut ein wenig zu beugen, sei es, um das Wissen um die Opfer der Geschichte, das heißt jener als Leitfossile apostrophierten und keineswegs namenlosen Täterfiguren und ihrer zahllosen Mittäter dem gezielten Vergessen zu entreißen, auf dass den Opfern wenigstens posthum ein wenig Gerechtigkeit widerfahre und der eine oder andere überlebende Täter seiner Strafe zugeführt werde, sei es, um der fatalen Kontinuitäten der Geschichte an der einen oder anderen Stelle Herr zu werden.
Wer so schreibt, der kann nicht umhin zu glauben, es lasse sich auf diese Weise ein den Machenschaften der Mächtigen gegenüber wacheres und wachsameres Bewusstsein erzeugen – und über das so erzeugte Bewusstsein vielleicht eine Welt, in der sie weniger sicher ihrem schier unersättlichen Tatendrang folgen. So denkt, wer schreibt, jedenfalls denkt, wer schreibt, so müssten auch jene denken, die er für seinesgleichen hält, nicht, weil ein Pass sie auf einen Nenner bringt, sondern weil sie schreiben. Vielleicht ist die Annahme ja auch richtig, wenngleich schwer überprüfbar. Allerdings gerät, wer schreibt, leicht in Fallen, die daraus resultieren, dass er in den seltensten Fällen handelt, es sei denn symbolisch – wogegen nichts spricht, solange er zwischen Handeln und Handeln zu unterscheiden weiß.
Eine dieser Fallen ist die des Moralisten, der sich an seinem Schreib-Schopf aus dem Sumpf der allgemeinen Verfehlungen zieht: er gegen sie, sie alle, die da gleichen Herkommens sind wie er, aber als nichtschreibende Zeitgenossen sich nur durch Leugnen eigener Mitschuld den Kollektivanschuldigungen zu entziehen wissen. Leugnen, vor allem, wenn es ein persönlich gutes Gewissen verrät, ist schlecht, es ist der Grundstoff des Moralisierens, es nützt nur einem und das ist nicht der Leugner. Bravsein ist besser und ein betroffenes Gesicht schadet nichts. Nach diesem Motto verfahren bei Betrügereien ertappte Konzerne – warum nicht ein Einzelner, der sich ebenso wenig entziehen kann, wenn die Geschichte eines Großkollektivs, genannt ›Volk‹ oder ›Nation‹ oder ›Europa‹ oder ›der Westen‹ und mittlerweile auch ›der Islam‹ auf seinem Rücken verhandelt wird, wie sich sein Urgroßvater oder die Großtante seines Lebensmittelhändlers dem Ruf des – keineswegs fiktiven – Staates entziehen konnte, als es galt, millionenfach in Schützengräben zu krepieren oder als lebende Phosphorfackel den patriotischen Phantasien von Schreibtischstrategen ein wenig Stoff zuzuführen?
Dumm nur, dass Bravsein dem Moralisten in den seltensten Fällen reicht. Vielmehr saugt er aus ihm jenen Honig, der ihm nicht nur das Schreiben versüßt, sondern auch das Leben. Denn in den seltensten Fällen ›weiß‹ das brave Bewusstsein, das geduldig erträgt, was über es verhängt wurde, dass jene Kollektiv-Entitäten wie ›Volk‹, ›Nation‹ etc. nichts weiter als Fiktionen sind, ›Konstrukte‹, bestimmt, das dumme Volk bei der Stange zu halten und ihm als Schicksal zu verkaufen, was unter Aufgeklärten nicht mehr bedeutet als ein Fingerschnipsen der rechten Hand oder das »Ich habs!« eines Spinners, der Probleme mit Frauen oder allgemein seiner sexuellen Orientierung hat. Es weiß es nicht, es kann es weder wissen noch glauben, weil es nicht seinem Empfinden entspricht, und es würde es auch nicht glauben, wollte sich jemand unterstehen, es ihm mehr oder minder ruppig beizubiegen.
Es weiß es nicht, aber seine studierende Tochter und sein studierter Sohn, sie wissen es wohl und niemand sage, den kühleren unter ihnen bereite es keine sadistische Freude, die Alten im Netz der Identitäten zappeln zu sehen und sie dazu als Rassisten oder Sexisten oder-was-auch-immer zu titulieren, während man selbst eine Zeitlang glaubt, fein heraus zu sein. Was den Jungen recht ist, das ist dem Moralisten billig. Es kommt ihm nicht in den Sinn, in sich selbst den Rassisten oder Sexisten zu sehen, der ein übles Spiel mit seinesgleichen spielt, nur weil er unfähig ist, sich als seinesgleichen zu betrachten. Nennen wir es die Unfähigkeit zur moralischen Reflexion, nennen wir es, wie wir wollen: Wer sich etwas herausnimmt, der muss auch etwas hineinlegen, wer sich herausnimmt, der nimmt sich selbst etwas, dessen er im ganz normalen Leben bedarf, um zu überleben – Seriosität. Es ist ein schäbiges Spiel und es erfreut seine Spieler. Aber es tötet Gesellschaft.

Ja, das ist eben schade.
Das ist das riesig Fade.