Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne auf Globkult

Illusions perdues. Ältere Einträge

Montag, 18. Juli 2016

Selbsternannt. Von Narren- und Zauberwörtern

Zu den Narrenwörtern des Westens gehört das Wort ›selbsternannt‹. Ein Attentäter, dessen Umfeld als ›clean‹ gilt – gleichgültig, ob er oder seine Komplizen oder seine Hintermänner etwaige Spuren sorgfältig getilgt haben, ob die Ermittlungsbehörden es aus Gründen der Staatsräson unterließen, die Öffentlichkeit über die wahren Zusammenhänge ins Bild zu setzen oder ob es sich in der Tat um einen jener legendären einsamen Wölfe handelt, deren Wolfseigenschaft sich abseits vom Rudel Bahn bricht –, ein solcher Einzeltäter muss über kurz oder lang damit rechnen, als selbsternannter Terrorist durch die Medien zu geistern, vermutlich, damit irgendeine Form der Ernennung greift, bevor über die Sache Gras wächst, und die Erwartung kommender Anschläge nicht das allgemeine Lebensgefühl eintrübt.
Gegen Selbsternannte, so die Legende, ist kein Kraut gewachsen. Man muss sie hinnehmen wie das nächste Gewitter: Singt, lacht und postet weiter. Tut so, als sei nichts gewesen. Das seid ihr den Getöteten schuldig. Allenfalls darf man Klage darüber führen, dass in jeder Gesellschaft eine ausreichende Zahl von drop-outs existiert, die immer wieder für Nachschub sorgen.
Doch kommen sie nicht nur vom unteren Rand der Gesellschaft. Genauer gesagt: Sie kommen von überall, wie das kurrente Beispiel eines zwar gewählten, gleichwohl ›selbsternannten‹, da autoritär regierenden Präsidenten belegt. Offenbar lautet ihr Motto ›Anything goes. Das ist vielen ein Dorn im Auge, vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien, die aus begreiflichen Gründen vor jeder Art von Selbsternennung zurückbeben, als werde sie unmittelbar mit Sendeverbot geahndet. Und zweifellos stellt jeder unabhängige ›Sender‹ von Nachrichten oder Meinungen für die öffentlich-rechtlichen und ihren ehrbaren Anhang eine Herausforderung dar. Darf man das? Darf man es wirklich? Und falls man es darf: Gilt dann auch, was hier, vermutlich ausnahmsweise, gedurft wurde?
Als Auslöser dieser Ängste ›gilt‹, wie bekannt, das Internet, dessen ›soziale Medien‹ die alten Mono- und Oligopole des Meinens und Dafürhaltens das Fürchten und die Bequemlichkeit lehrten. Was tun, wenn die Sendung eines ›Primärmediums kaum mehr bietet als den sekundären Aufguss dessen, was genauer und ›authentischer‹ bereits via Twitter zu lesen war? Gewiss, man könnte sich bedanken, aber so einfach liegen die Dinge nicht. Was, wenn auf den Seiten von Facebook etwas ›auftaucht‹, eine neue Realität, über die man dann – im ›wirklichen Medium‹ – zu berichten genötigt ist? Damit muss man rechnen. Wie rechnet man mit etwas, das unnachsichtig die eigene Marktposition aushöhlt, die eigene Arbeit gnadenlos deklassiert? Wie geht man mit einer Wirklichkeit um, die sich nicht wirklich um die Kanäle schert, auf denen sie einst zertifiziert wurde? Nun, man verwandelt sie in ein Format, ein irgendwie illegitimes, vor dem der Empfängerseite ein vernünftiges Grauen eingepflanzt wird: das Codewort für dieses Grauen lautet ›selbsternannt‹.
Das funktioniert, es funktioniert eine Weile, aber es funktioniert nicht immer.
Der Islamische Staat (IS) – auch er ein ›selbsternannter‹ – fordert Muslime in aller Welt auf, ihrer Glaubenspflicht nachzukommen und für die Sache des Islam zu töten. Das verstört, neben Nichtmuslimen und religiös Gleichgültigen, auch die Masse frommer Muslime, die ihre Glaubenspflicht keineswegs darin zu erblicken bereit sind, als Mörder und Selbstmörder zu enden und deshalb gewärtig sein müssen, irgendwann selbst unter die Opfer zu fallen. Viele macht es anfällig für allerlei Gedankengut, für Hintergedanken, die sie und ihre Position in der Welt betreffen, für Heuchelei und Hass, für prahlerische Bekenntnisse, für Duckmäusertum, und – hier und da – radikale Entschlüsse. In der Diktion der Dschihadisten ist ›Islam‹ kein historisch gewordenes, entfaltetes, in sich ruhendes Glaubenssystem, sondern ein Zauberwort, mit dessen Hilfe sie Täter rekrutieren – Menschen, bereit, aus Gehorsam Handlungen zu begehen, die durch keine traditionell-religiöse Moral gedeckt werden –, eine Gefolgschaft einfordernde und Wunscherfüllung vorgaukelnde Vokabel, mit der sie revolutionäre Machtphantasien auf ein riesiges Menschenpotenzial und die dazugehörigen geographischen Räume projizieren. Der Rest ist Strategie, gelegentlich auch Taktik. Wer darin eine besonders raffinierte Pointe der umfassenden Virtualisierung der Welt mit dem Effekt der ›Selbsternennung‹ zu erblicken wünscht, der möge dies tun – eigentümlich sinnfrei, auf eigene Rechnung und Gefahr.
Die Frage, wie labil Persönlichkeiten sein müssen, um als ›Einzeltäter‹ dieser Couleur in Betracht zu kommen, berührt sich mit der hier und da geäußerten Ansicht, es handle sich um sozial depravierte Menschen, denen, ähnlich dem Amokläufer, der verbrämte Selbstmord einen Abgang ›in Würde‹ verschaffe. Das mag im Einzelfall zutreffen oder nicht. Doch auch hier gilt: ein religiöses System, in dem durch wahllosen Massenmord Würde zu erlangen wäre, existiert nicht auf diesem Planeten. Allerdings muss einer schon die religiöse und menschliche Hohlheit des Appells durchschauen, um nicht als Gläubiger durch ihn infiziert und innerlich in Bedrängnis gebracht zu werden. Hier liegt die unheimliche Macht dieses wie jedes Radikalismus. Seine ideale Zielgruppe sind die Jungen, die Unbedarften, die Kämpfernaturen, die leicht Entflamm- und Verführbaren, die Tat-Träumer und hyperaktiven Weltveränderer, Personengruppen, auf denen alle Hoffnung der Welt ruht – und aller Abscheu, wenn es dann wieder zu spät ist. Wer sie an der Hand nimmt und zu welchem Ende: c’est la question.