Mittwoch, 22. Februar 2017

Der schwedische Freund


Medientheoretikern sollte die Bemerkung, die dem amerikanischen Präsidenten über das Einwanderungsland Schweden entschlüpfte, ein gefundenes Fressen sein – nicht, weil der dahinterstehende Sachverhalt ihnen zu denken gäbe, sondern weil sie so plastisch den Satz illustriert, den man in dieser Sparte so gern als theoretischen Urknall zelebriert: Das Medium ist die Botschaft. Leicht formalisiert und wenig wahlkaumpftauglich aufbereitet, sagte der Präsident: ›Es gibt, als Folge unkontrollierter Masseneinwanderung, mehr Kriminalität auf Europas Straßen, mehr Vergewaltigungen, Diebstahl und Aufruhr, eine Häufung terroristischer Ereignisse und die gestrige Sendung über Schweden, die uns die Augen über das Musterland der nördlichen Hemisphäre öffnete, über das wir uns bisher nur hehre Vorstellungen machen durften.‹
Die Crux bestand darin, dass, wer die Sendung vom Vorabend nicht gesehen hatte, denken durfte, vielleicht sogar musste, etwas Furchtbares müsse an besagtem Vorabend in Schweden geschehen sein, während es doch nur in Fox News, dem Leib- und Magensender des Präsidenten, je nach ideologischer Lesart, zu sehen gewesen oder geschehen war. »You look at what’s happening in Germany, you look at what’s happening last night in Sweden« – die allgegenwärtige Phrase deckt das Ereignis und die Sendung gleichermaßen ab, beim Präsidenten und beim Volk, bei Medienmachern und Medienkonsumenten. Wohl wahr: Die Sendung ist das Ereignis und je nachdem, welchen Sender und welche Sendung einer gerade gesehen hat, lebt er, der medialen Verfasstheit unserer Alltagswelt (soweit sie über den privaten Kleinkram hinausreicht) sei Dank, in einer anderen Welt.
Man darf daher weder den Medien noch den Repräsentanten des schwedischen Staates sowie der schwedischen Gesellschaft die empört-belustigte Ahnungslosigkeit post dictum abkaufen, mit der sie die Aufmerksamkeit des Publikums von der in Rede stehenden Sache weg auf den präsidialen Neuling zurückspiegelten. Die Bemerkung des früheren Außenministers Carl Bildt, »Was hat er geraucht?«, bedient sich, analytisch gesprochen, derselben sprachlichen Möglichkeit, zwischen realem Sachverhalt und medialem Ereignis zu switchen, die bereits der Redner für sich in Anspruch nahm. Ein – allerdings gravierender – Unterschied liegt im Adressatenkreis: Trump sprach vor einer Menge, die gewillt war, sich von ihm über die verheerenden Weltzustände in Erregung versetzen zu lassen, der schwedische Altstar servierte einer Twitter-Gemeinde, die sich für aufgeklärt hält und aus Grundsatz über den Kleine-Leute-Erregungen steht, eine der in diesem Medium so beliebten Vorlagen zur weltweiten Verbreitung: Seht den Schwätzer! Dass auch darin eine Umkehrung liegt, da in der Regel als Schwätzer gilt, wer nicht zur Sache redet, geht in der Pointe unter – nicht zur Sache zu reden, sondern Emotionen zu schüren, und sei es durch fake news, gilt schließlich als Markenzeichen des Laiendarstellers im Weißen Haus und soll es unter allen Umständen bleiben.
Was ist ein ›gefundenes Fressen‹? Ein Ausdruck der Alltagssprache, über den sich amüsieren oder erregen darf, wer will oder wer keine Ahnung hat, was er bedeutet. Immerhin ist er im deutschen Sprachschatz so fest verankert, dass, wer sich über ihn aus Weltanschauungsgründen mokiert, zu erkennen gibt, dass er entweder kein native speaker ist oder sich nicht zu benehmen weiß, da er gegen eine elementare kulturelle Regel verstößt: Mach dein Gegenüber nicht ohne Grund lächerlich.
Gegen diese Grundregel zu verstoßen gilt neuerdings als links, schick und unendlich aufgeklärt, es zerstört aber nur Gesellschaft. Die Repräsentanten der schwedischen Gesellschaft wissen sehr gut, wovon Trump vor seinen Anhängern redete. Sie ziehen es allerdings vor, die Maske der Heuchelei vorzuhalten und der Welt zu versichern, wer so über sie rede, sei seines Verstandes nicht mächtig. Ihr Problem besteht darin, dass jedem, buchstäblich jedem Bewohner dieses Planeten, der aus Fernsehsendungen Informationen bezieht, der switch des Präsidenten aus eigener Sprecherfahrung geläufig und daher nicht der Rede wert ist – eine kleine Ungenauigkeit, von denen es in jeder Politikerrede wimmelt.
Jeder, der einmal den Fernsehknopf betätigte, weiß, dass sie heucheln. Jeder, der weiß, welche Probleme die Masseneinwanderung den liberalen Staaten Europas beschert, müsste den Kopf schütteln über soviel Hochmut in den Worten von Vertretern eines Staates, der es auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise vorzog, das Schengen-Abkommen partiell außer Kraft zu setzen und seine Grenzen für Flüchtlinge hochzufahren – vermutlich, weil die Party gerade im Gange war und man sich nicht beim Küssen stören lassen wollte.
Die Frage ist also, warum sie heucheln. Unter den Ländern Westeuropas ist Schweden das Land der doppelten Wahrheit, wie man sie bisher vor allem aus Diktaturen, aus Staaten im Kriegszustand und Ibsen kannte: unvereinbar, unversöhnlich, unaussprechlich, jedenfalls sofern man sich nicht auf die Seite der öffentlich Geächteten begeben möchte. Das mag unter Schweden funktionieren, aber für das befreundete Ausland kann und darf es keinen Grund geben, sich mit zwei einander fundamental widersprechenden Auskünften über das geliebte Ferienziel zufrieden zu geben. Im Gegenteil, es darf leise anmahnen, mit dem Hokuspokus aufzuhören und zu einem offenen Umgang mit der Wahrheit zurückzukehren.
Sollte es nur darum gehen, dem böswilligen Gerücht und der maßlosen Übertreibung entgegenzutreten: Offenheit, liebe Schweden, ist das Rezept. Einen Filmemacher niederzumachen, weil zufällig der Präsident der Vereinigten Staaten seine Dokumentation zu Gesicht bekam und ihm eine polemische Bemerkung darüber auskam, ist eines zivilisierten Landes nicht würdig, geschweige denn eines Landes, das seine moralischen Maßstäbe gern zu den höchsten der Welt zählt.

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