Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne für Globkult

Illusions perdues

Montag, 27. Februar 2017

Babel Fake Speech


»Bedienen Sie die Illusionen der Menschen und Sie werden –«
»Reich?«
»Ja vielleicht.«
»Berühmt?«
»Mag sein.«
»Bedeutend?«
»Warum das?«
»Was dann?«
»Unterbrechen Sie mich nicht, dann erfahren Sie alles der Reihe nach. Sie werden...«
»Lassen Sie mich raten! Gebraucht?«
»… der Missverständnisse nicht mehr Herr, die Sie damit auslösen.«
»Das hört sich vernünftig an. Aber das weiß doch jeder.«
»Sie vielleicht. Sind Sie jeder?«
»Ich? Wie kommen Sie darauf? An wen denken Sie?«
»An allerlei. Zum Beispiel hat die Bundesregierung…«
»Hören Sie mir auf mit der Bundesregierung. Dieses Jahr wird gewählt. Dann sehen wir weiter.«
»Das zum Beispiel meinte ich.«
»Muss ich das jetzt verstehen?«
»Nein. Es wäre auch Illusion.«
»Was ist keine Illusion? «
»Fragen Sie lieber: Was ist es, das in uns kränkt, demütigt, bettelt, ätzt, wütet, zaubert und sich verzaubern lässt?«
»Nein, das frage ich nicht.«
»Warum?«
»Weil man damit die Dummen fängt.«
»Und wie fängt man die Klugen?«
»Mit wahren Behauptungen.«
»Was ist daran falsch?«
»Jede Aussage des Typus: ›Wahr ist vielmehr, dass...‹ ist falsch.«
»Warum das denn?«
»Weil sie Wahrheit gegen Wahrheit stellt.«
»Vielleicht zu Recht.«
»Vielleicht. Also: vielleicht auch nicht. Sagen Sie ... woran erkennt man, dass einer die Wahrheit sagt?«
»An der Quelle.«
»An welcher Quelle?«
»An der richtigen.«
»Selbstverständlich.«
»Es gibt auch trübe Quellen.«
»Wer schöpft, trübt.«
»Das ist mir zu allgemein.«
»Das ist eine Wahrheit.«
»Ich verstehe. Und wenn der andere lügt?«
»Dann lügt er eben. Was heißt lügen? Wider besseres Wissen behaupten, etwas sei so und so.«
»Also: wenn ich das bessere Wissen habe und nichts dagegen behaupte, dann lügt der andere.«
»Aha. Ich habe also das bessere Wissen.«
»Selbstverständlich. Ich weiß, dass ich nicht lüge, also ist es wahr.«
»Sie meinen, es ist wahr, dass ich nicht lüge.«
»Genau.«
»Das meinen Sie
»Nein Sie
»Was meinen Sie dann genau?«
»Ich meine, dass ich weiß, dass ich nicht lüge.«
»Falls Sie nicht lügen.«
»Falls ich nicht lüge. Selbstverständlich lüge ich nicht. Dafür kann ich mich verbürgen.«
»Wie die Bundesregierung?«
»Wie die Bundesregierung.«
»Welche? Die jetzige oder die kommende?«
»Hören Sie auf mit der Bundesregierung. Wie sind wir überhaupt auf das Thema gekommen?«
»Sie deuteten an…«
»Ich deutete an?«
»Sie wollten sagen…«
»Sie glauben zu wissen, was ich sagen wollte?«
»Ich wollte sagen…«
»Warum haben Sie es nicht gesagt? Habe ich Sie daran gehindert?«
»Ja.«
»Warum das?«
»Weil Sie geraten haben.«
»Ich soll geraten haben?«
»Ganz recht. Sie haben geraten, weil Sie den Eindruck erwecken wollten, zu wissen, was ich meinte.«
»Was meinten Sie denn?«
»Ich habe es Ihnen bereits gesagt.«
»Gesagt? An welcher Stelle, wenn ich fragen darf?«
»Wie meinen Sie das?«
»Meine Meinung geht Sie nichts an. Begnügen Sie sich mit dem, was ich sage.«
»Wenn Sie meinen. Bitte: Was ich meine, geht Sie nichts an.«
»Sind Sie da sicher?«
»Wie meinen Sie das?«
»Angenommen, Sie verfassen einen Tweet über mich und die Leute lesen das: Dann habe ich ein Recht darauf zu erfahren, wie Sie das meinten.«
»Das verstehe ich nicht: es steht doch da
»Wo?«
»Schlafen Sie oder sind Sie von Sinnen? Im Tweet
»Waren Sie das?«
»Ich? Was? Warten Sie... Ich habe keinen Tweet über Sie geschrieben.«
»Sie nicht. Wer dann? Ein anderer. Über mich? Warum über mich? Warum nicht über irgendjemanden sonst? Wir reden hier allgemein.«
»Dann bleiben Sie allgemein.«
»Bleibe ich nicht.«
»Warum denn nicht?«
»Weil es nicht geht.«
»Was geht nicht?«
»Allgemein zu bleiben, wenn es um mich geht.«
»Ich dachte, es geht nicht um Sie?«
»Woher wollen Sie das wissen?«
»Weil Sie es wissen, Sie Knalltüte.«
»Ich? Nein, ich weiß es nicht. Wieso sollte ich? Wie könnte ich wissen, ob es um mich geht, wenn ich nicht weiß, wie der Tweet gemeint war.«
»Aber Sie können lesen.«
»Das dachte ich mir.«
»Was dachten Sie sich?«
»Dass Sie auf diesen Punkt kommen würden.«
»Was ist daran falsch?«
»Falsch ist, dass es stimmt.«
»Wieso das denn?«
»Aber Sie können hören.«
»Na und? Was tut das zur Sache?«
»Dann hören Sie jetzt gut zu.«
»Ich höre.«
»Unterbrechen Sie mich nicht. Sie unterbrechen mich ja. Sie wollen gar nicht hören. Außerdem können Sie nicht hören. Sie wollen reden. Sie hören nur, um zu reden. Das nenne ich nicht hören.«
»Was nennen Sie dann hören?«
»Sie unterbrechen schon wieder.«
»Ich unterbreche Sie, weil ich wissen will, wie Sie ticken.«
»Deswegen unterbrechen Sie mich?«
»Natürlich. Ich will, dass Sie auf den Punkt kommen.«
»Und diesen Punkt bestimmen Sie?«
»Nein, den bestimme ich nicht. Den bestimmen Sie.«
»Den bestimme ich nicht. Den bestimmen Sie.«
»Könnte ich ihn bestimmen, würde ich Sie nicht fragen.«
»Könnten Sie ihn nicht bestimmen, würde Ihnen meine Antwort nichts nützen.«
»Warum das denn?«
»Weil Sie ein urteilsloses, sprachloses, unfähiges Wesen wären, das mir gar keine Fragen stellen könnte.«
»Junge Junge, das sind Fake News
»Sehen Sie, was heute Fake News heißt, das hieß früher Ente. Wissen Sie warum? Es hat Flügel und kann nicht fliegen.«
»Ein bisschen schon.«
»Ein bisschen schon. Also noch einmal: Es sieht aus wie ein Vogel und schwimmt auf dem Wasser.«
»Das ist dünn, sehr dünn. Ein bisschen wie Fake News
»Lassen Sie es mich so sagen: Es schwimmt auf dem Wasser und findet seine Nahrung unter Wasser.«
»Das gefällt mir. Aber was meinen Sie damit?«
»Ich meine damit… Zum Teufel, Sie verwirren mich.«
»Ich verwirre Sie?«
»Ja, Sie verwirren mich.«
»Sie wissen nicht, was Sie darauf sagen sollen?«
»Ich wüsste, was ich darauf sagen könnte, aber ich verkneife es mir.«
»Warum das denn?«
»Weil ich will, dass wir friedlich auseinandergehen.«
»Falls Sie das wollen, sind Sie schon gescheitert.«
»Warum?«
»Weil zwischen uns Unfrieden herrscht.«
»Das müsste ich wissen.«
»Nein, das müssen Sie nicht. Es genügt, dass ich es weiß.«
»Und woher wissen Sie das?«
»Es ist wie Fake News. Einer sagt, was Sie da sagen, ist falsch, und der andere sagt: Nein, Sie liegen falsch. Das ist es, was ich sagen wollte.«
»Nein, es genügt mir nicht zu wissen, was Sie sagen wollten. Ich will wissen, was Sie gesagt haben.«
»Aber das habe ich doch gesagt. Und Sie wissen es.«
»Sie haben gesagt, dass… Ach lassen wir das.«
»So ein Kamel. Aber lassen wir das.«