Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne für Globkult

Illusions perdues

Samstag, 9. Juli 2016

Das vergisst sich leicht

Vergessen schmerzt nicht, es schadet nur – tröstliche Botschaft für alle, die sich in den Kopf gesetzt haben, die Welt zu verbessern, ohne sich gründlich mit ihr auseinandergesetzt zu haben. Auseinandergesetzt? Wer hätte sich nicht –? Nichts, wenn man sich umhört, geht den Mitmenschen leichter von der Hand als sich ›auseinanderzusetzen‹. Fast jeder hat es irgendwann getan, die meisten sind gerade, soweit ihre begrenzte Zeit es zulässt, im Begriff, es zu tun oder wünschen es sich um ihr Leben gern. ›Ich setze mich gerade auseinander‹ – ein erstaunliches Bekenntnis, lieber wünschte man der betreffenden Person, sie säße gerade gemütlich beieinander. Und tut sie es nicht? Warum klaffen Selbstaussage und Fremdwahrnehmung gerade hier so hemmungslos auseinander?
Man ist geneigt, der Frage nachzugehen, vorausgesetzt, sie führt nicht zu tief in die Psyche der betreffenden Person hinein. Wirklich gibt es dafür keinen besonderen Grund, denn es handelt sich um gesellschaftliche Rede, bei der die individuelle Psyche ein bisschen pausiert. ›Auseinandersetzung‹, jedenfalls in der reflexiven Form (›sich...‹) ist das A und O der Informationsgesellschaft. Informiert ist, wer sich auseinandergesetzt hat. Wer sich informiert, der setzt sich auch auseinander, jedenfalls dann, wenn es nicht ›bloß oberflächlich‹ geschieht. Auseinandersetzung geht demnach in die Tiefe, nicht nur in die Breite, sie besitzt eine dritte Dimension, sie beansprucht Raum, mehr Raum als üblich, das sagt schon das Wort. Was sagt es noch? Wer sich auseinandersetzt, der beansprucht nicht allein Raum, er beansprucht auch Platz – leeren Platz, den er zwischen sich und den Gegenstand schiebt, als sei letzterer ansteckend und man selbst auf der Hut. Vor was? Vor Ansteckung natürlich. Nichts erscheint so natürlich wie diese Auskunft, nichts so frei von Selbstzweifeln, nichts so unbedacht, so dass man sich unwillkürlich fragt, wie es möglich sein kann, dass gerade sie als Standardformel für das Bedachthaben sich durchsetzen konnte.
Was hat die Auseinandersetzung mit dem Vergessen gemein? Vieles, wenn nicht alles, man könnte meinen, das eine sei eine Unterabteilung des anderen. Das liegt daran, dass, wer sich auseinandersetzt, kein gesichertes Wissen beansprucht – schließlich ist die Auseinandersetzung gerade in vollem Gange und dementsprechend sind alle Optionen offen. Sich nicht festnageln lassen – das ist, als gesellschaftliche Option, eine fast antichristliche Haltung und siehe, sie macht sich bezahlt. Ich könnte mich ein für allemal kundig machen – wer sagt mir, dass ich nicht gerade da einer falschen ›Kunde‹ aufsitze? Und angenommen, ich wäre so frei, es dennoch zu tun: Es ist diese Freiheit, in der die Kunde über kurz oder lang zur Sage, zur verkürzten Reminiszenz und zur Verwechslung führt und damit zurück in die ausgebreiteten Arme der immerwährenden Auseinandersetzung, die stets eine geführte zu sein beansprucht. Was zwischen mir und mir geschieht, findet sein Widerspiel im Gespräch. Etwas behaupten heißt nicht, dass man es weiß – nicht einmal, dass man es zu wissen beansprucht. Allenfalls heißt es, dass man es im Augenblick des Sprechakts meint – was im Hinblick auf das zweite Ich, mit dem man sich gerade in einer spannenden Auseinandersetzung befindet, nur bedeuten kann, dass zwischen mein und mein dieser bedeutende Unterschied klafft: Das Gemeinte ist nicht das Gemeinte, gerade nicht, es ist der Stoff, der die Auseinandersetzung zwischen mir und mir befeuert, bis sie irgendwann erlischt, weil die Rede-Ressourcen sich zum Ende neigen oder die Zeit, die allmächtige, ihr Veto einlegt.
Aber irgendwo in diesem Getriebe muss es das Wissen doch geben? Warum kommt es niemals heraus und klärt die Situation? Ganz einfach: weil das Meinen weiter ist als das Wissen. Das bedeutet nicht, dass es mehr wüsste – woher wohl? –, auch nicht, dass es einem künftigen Wissen vorarbeitete, sondern weil es Auskunft darüber gibt, wie die Menschen denken – wie sie ticken, um im Jargon der Meiner zu bleiben. Das zu wissen ist wichtig, weil es Führung erlaubt – Debattenführung, Menschenführung, Geschäftsführung, politische Führung... Hier also steckt das Wissen, deshalb kommt es nicht heraus: im verbalen Ups, im Das-habe-ich-gesagt? verbirgt sich der ganze Mensch, er ver- und entbirgt sich ganz nach Bedarf, vorausgesetzt, man versteht unter dem ganzen Menschen jenes lenk- und zuteilbare Wesen, das mitreden will und gern vernimmt, dass seine Meinung gefragt ist, nicht etwa sein Wissen, seine ›Expertise‹ – die auch gefragt ist, aber dafür gibt es Experten. Eine Expertenbefragung konzentriert sich, wie jeder weiß, auf wenige Punkte: »Stopp, das wollten wir wissen, das genügt jetzt.« Der Auskunftsautomat lehnt sich zurück und schweigt. Er hat zu alledem eine Meinung, er könnte sie äußern, er würde sich verheddern wie die anderen auch, es ist alles eine Frage von Zeit, Ort und Umständen. Die wahren Meiner sind Experten wider besseres Wissen, deren Leidenschaft mit der Unklarheit ihrer Erinnerungen konkurriert. In den Talkshows streiten die unklaren Erinnerungen um die besten Plätze im Bewusstsein der Nation. Forcierter kann man Vergessens-Training nicht betreiben.