Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne für Globkult

Illusions perdues

Montag, 25. Januar 2016

Erpresste Versöhnung

Erpresste Versöhnung hieß der Titel eines Aufsatzes, den der Frankfurter Sozialphilosoph Theodor W. Adorno 1958 veröffentlichte – eine brillante Polemik gegen den marxistischen Kulturphilosophen und Literaturkritiker Georg Lukàcs, in der das Recht der Kunst (und selbstredend der Literatur) als Aufgabe festgeschrieben wird, sich den systemfrommen Weltbeglückungs-Szenarien der Parteidenker zu entziehen und sowohl Brüche als auch Widersprüche in der zeitgenössischen Praxis als das stehenzulassen, was sie sind: als Hindernisse, an denen nicht nur das Glücksbegehren des Einzelnen, sondern auch die politisch-gesellschaftliche Formel vom richtigen Weg, den es um einer welthistorischen Aufgabe wegen konsequent fortzusetzen gelte, zuschanden wird. Von diesem Aufsatz zieht sich eine Spur bis zur heutigen Kunst und ihrem hier und da gelegentlich aufblitzenden Ethos, keiner Ideologie dienstbar zu sein und keine erfahrene Gewalt, kein Leid zu verharmlosen oder zu verschweigen um einer vorgeschobenen oder geglaubten oder propagierten Sache willen. Gegen die Verleumdungen und Verdächtigungen der Gesinnungsspezialisten wurde hier dem Denken der Differenz eine Gasse gebahnt, das darauf besteht, dass jedes Handeln konkret sei und jeder noch so humane Gedanke über eine spezifische Reichweite verfüge, außerhalb derer er sich rasch in sein Gegenteil verkehrt – Folgen inklusive.
Die Kunst hat in den heutigen Krisen nichts zu sagen, sie darf aber apportieren. Das menschliche Leid hat insistierendere Sachwalter bekommen, die argwöhnisch jeden Versuch beäugen, ihre Kompetenz zu beschneiden. Der Produktion von Leid hat es nicht geschadet, im Gegenteil: diese Ressource sprudelt so reichlich wie eh und je und wer immer sich an ihr bedienen möchte, darf damit rechnen, dass irgendwo ein Fond bereitsteht (oder bereitgestellt wird), auf den sich zugreifen lässt, vorausgesetzt, man ist gut vernetzt und die Parameter (sprich: die involvierten Interessen) stimmen. Kein Zweifel: hier ist viel Idealismus im Spiel, dessen Kehrseite, wie immer, die Betroffenen früher oder später erfahren, wobei Zahl und Klasse der Opfer stark variieren. Auch Hilfe kann Verhältnisse schaffen oder zementieren helfen, gegen deren Auswirkungen sie sich wendet: zwischen Hilfe und Abhilfe klafft ein ähnlicher Abstand wie der zwischen gut gemeint und gut gedacht. Dabei ist vom Abgrund zwischen Reden und Handeln, Handeln und Behandeltwerden, Handeln und Misshandeln, Praxis und Praktiken, Hilfe und Heuchelei, Beistand und Betrug, selbstloser Assistenz und lautloser Vorteilsbeschaffung noch nicht einmal die Rede. Sobald irgendwo in der Welt der Mächtigen von aufzulegenden Hilfsprogrammen gesprochen wird, um einer Regierung Luft zu verschaffen, macht sich die Korruptionsforschung bereit – sie kennt ihre Pappenheimer. Das alles wurde tausendmal an einschlägigen Fällen bedacht und beredet, die – wenigstens oberflächliche – Kenntnis der Mechanismen gehört zum zivilisatorischen Grundbestand. Wer hier leugnet, der leugnet aus Gründen, sei es der Psyche, sei es des Profils. Doch besitzt der Idealismus nicht nur eine Kehrseite, sondern auch, sagen wir, eine Stirn. Recht so, könnte man meinen, wer dem Unheil steuern will, der muss ihm zu allererst die Stirn bieten. Kraft, hinter der ein Verstand steht, ist eine kostbare Erscheinung in dieser Welt, vor allem, weil man den Verstand nicht so leicht zu Gesicht bekommt, daher muss die Stirn, als pars pro toto, nicht selten für ihn einstehen, ohne mit den benötigten Mitteln versehen zu sein.
Was man bei Menschen mutmaßen muss, das lässt sich gelegentlich an Gebäuden ablesen wie z.B. der Dresdner Semper-Oper, deren Betreiber gegenwärtig die Klassiker fleddern, um Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Ein Unterfangen, das vor allem geeignet erscheint, Fremde zu erschrecken, die sich, nicht ganz zu Unrecht, im Vorüberschlendern angesichts des digitalen Zitatgewitters zwangsläufig fragen müssen, was von einem Land wohl zu halten ist, zu dessen Willkommenskultur es gehört, seine Bürger öffentlich anzusäuseln, sie sollten, sobald Ausländer anwesend sind, doch gefälligst die Füße vom Tisch nehmen und sich halbwegs zivilisiert verhalten – bei Zuwiderhandlung droht das Auswendiglernen einer Figaro-Arie plus Donizetti-Karzer. Unter uns Operngängern, ganz im Ernst: Will man partout demonstrieren, wie eigentümlich schlicht manche ererbten Klassiker-Sentenzen wirken, sobald man sie den Unbilden der umgebenden Wirklichkeit aussetzt? Will man, wie schon häufiger in der Vergangenheit (und immer vergeblich), sich endlich jene robuste Klientel erschließen, die zwischen Bühnenhandlung und outdoor-Auseinandersetzung nicht zu unterscheiden vermag? Will man überhaupt etwas oder fügt man sich einem verborgenen Impuls, der stets das Gute will und sich im Schmuck innerstädtischer Parolen klammheimlich der alten Zeiten erinnert? Wie dem auch sei, der Gesellschaft erweist man keinen Gefallen, gibt man ihr in dieser bescheidenen Form zu verstehen, wie überflüssig der gesangliche Aufwand im Innern des Musentempels eigentlich ist, da sich die Quintessenz offenbar so bequem außen anschreiben lässt. Denn die Gesellschaft, gut oder ungut, weiß es längst und ihre Kulturfeindschaft erhält nur immer neue Nahrung, wenn sie, ohne weiter in die Sache involviert zu sein, mit ansehen muss, wie die ›Verschwendung von Steuergeldern‹ mit der Verschwendung von guten Worten erkauft wird.
Immerhin bleibt, was die Dresdner Regie hier treibt, Oper – oder, zurückhaltender interpretiert, Straßentheater, bei dem niemand weiß, welche Pointe am Ende sitzt (oder nachsitzen wird). Nimmt man die in Sichtweite bei Pegida gehaltenen Reden als den anderen Teil hinzu, dann bleibt von der alten Idee der Kunst als ›Einspruch‹ nicht viel zurück. Jenseits aller Parolen hat sich der Bürgerprotest die Straßen und Plätze der Republik erobert und attackiert von ihnen aus die Herzen und Hirne der Mitmenschen. In dieser Hinsicht besteht zwischen Stuttgart gestern und Dresden heute kein Unterschied. Was die subventionierte Kunst angeht, so hockt sie als Krähe, die der anderen kein Auge aushackt, am First und ringt um Wahrnehmung. Die wird sie nicht bekommen, solange sie nicht die eigene schärft. Vielleicht müssen sie Karl Kraus in Dresden erst singen lernen, um zu begreifen, was eine panisch gewordene Politik, der, bei Strafe der Folgekosten, die europäischen Partner abhanden gekommen sind, gerade erfährt: Wer die Berichte beherrscht, kümmert sich selten um die Erstattung. Das gilt in vielerlei Hinsicht, vor allem aber in unterschiedliche Richtungen. Wahrheit ist keine Einbahnstraße.