Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne für Globkult

Illusions perdues

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Kleine Schlange Aufschub


Wer Bewusstsein sagt, will schon manipulieren: keine kleine Aussage, eher eine bewusstseinsöffnende oder -fördernde Maßnahme. An solchen Manipulationen leidet die Öffentlichkeit keinen Mangel, eher erstickt sie an ihnen. Bevor jemand hingeht und ein Fenster öffnet, muss viel geschehen. Die Gelassenheit muss viele kleine Tode sterben, ehe sie, wie der Geist aus der Flasche, in die Gehirne zurückkehrt, nicht triumphal, schon gar nicht triumphierend, eher mit einem Seufzer der Erleichterung, in die sich ein wenig Wehmut mischt, denn auch Spannung ist schön. Der gespannte Mensch, der Mensch, der jederzeit losgehen kann, setzt sein Glück in die Naherwartung, deren Gegenstand sich langsam entfernt, doch diese Strategie, das könnte ihm sein Verstand sagen, schlägt irgendwann gegen ihn aus. Mit der Anzahl der Falten steigt die Zahl der verpassten Gelegenheiten. Irgendwann, statistisch betrachtet, gemahnt sie an den Hockeyschläger, den die alarmistische Klimaforschung so nachhaltig in die Köpfe schreckhafter Zeitgenossen gezeichnet hat – die gerade Bahn, auf der die Hoffnung dahingleitet, als habe man ihr zum Fest der Herzen ein Paar Schlittschuhe geschenkt, wird unversehens zur Steilwand, die zu erklimmen die Kraft fehlt. Und selbst wenn einer sie besäße: in der Vertikalen wird die absurde Geste der Selbstaufrichtung, die bekanntlich den Menschen ausmacht, zur lebensbedrohlichen Farce. Was den Einzelnen zeichnet, das zeichnet auch die Kohorte der Altersgenossen, nicht auf Grund einer vagen Analogie, sondern als Ausdruck des Umstands, dass sie in den meisten Fällen als Ursprung und Sitz der überschießenden, das Leben tragenden und zerstörenden Erwartungen anzusehen ist: mit ihr werden sie geboren, mit ihr gehen sie dahin.
Nichts berührt seltsamer als eine bereits vom Aufschub gezeichnete Generation, die sich fortschreiben möchte, nichts treibt gesellschaftlichen Wandel energischer voran als das überzeugungsgesättigte Festhalten alternder Eliten an Lebensformen und -zielen, denen die lebendige Basis schwindet. Kurven zeichnen und Bedarfe errechnen kann jeder. Sobald es sich um den festzustellenden Bedarf an kommenden Menschen handelt, sollte jeder hellhörig werden. Wessen Zukunft wird da verplant, wessen Kraft manipuliert, wer abgeworben, wer zugekauft, wer im voraus genötigt, wer auf dem Reißbrett entworfen, ohne Gegenbild in der Realität, ohne Aussicht aufs Werden, wer entmündigt vor aller Hoffnung, das Stadium der Mündigkeit je zu erreichen – und über allem die Frage, wer sich oder seinen Enkeln dabei die Zukunft rosig rechnet, gleichgültig gegen alles, was nicht in seine gegenwärtigen Berechnungen eingeht, weil es als 'sachfremd' voreilig eliminiert wurde. Die unerbittlichste, weil unergründlichste Umwelt ist der Mensch im Plural, dessen Existenz zuverlässig verhindert, dass meine Welt auch nur den Hauch einer Chance bekommt, sich als Allerweltswelt in den Köpfen festzusetzen.