Samstag, 18. Februar 2017

Wahl ohne Wahl


»Es war ein spezifisches Problem der DDR, dass es über die politisch-ideologische Sphäre hinaus keine weiteren Bindungskräfte gegeben hat, die in Zeiten politisch-sozialer Krisen doch Stabilität und Zusammenhalt zwischen den Menschen hätten gewährleisten können. ln den anderen sowjetisch dominierten neuen Staaten nach 1945 gab es die immer vorgeordnete nationale Basislegitimität: man war erst Pole, Ungar oder Albaner und dann erst Sozialist.
Nicht so in der DDR. Dass man ›Statthalter‹ der besten deutschen Traditionen sei, so wie man das im ersten Jahrzehnt nach der Gründung noch propagiert hatte, blieb doch vor allem auf die literarisch-kulturelle Dimension beschränkt (zudem noch erbeselektiv halbiert).
ln Legitimations- und Abgrenzungsnöten kam man unmittelbar nach dem Mauerbau auf den – skurrilen – Einfall, eine Metapher des englischen konservativen Premiers zu Marx’ Zeiten, Benjamin Disraeli (1804-1881), zu aktivieren, demzufolge in jeder modernen Nation sozial zwei Nationen steckten, die ›Armen‹ und die ›Reichen‹. So erfand man den DDR-spezifischen Nonsensbegriff sozialistische Nation.
Kurzum: in der Deutschen Demokratischen Republik wurde der nationale Titel deutsch obsolet, seine National-Hymne Deutschland einig Vaterland durfte nicht mehr gesungen werden. – Und so verlor man als Bürger der DDR nicht nur seine nationale Signatur, denn wenn man sich (wie eben ein Großteil, der das durch die ›Abstimmung mit den Füssen‹ bewies) nicht noch als Sozialist begriff, wurde man vollends eine politische Unperson, die sich folglich für das Schicksal dieser Polis nicht mehr interessierte und die man auch als politische Subjekte nicht mehr wirklich zu brauchen schien (z.B. in Wahlen nicht mehr, – denn da man ›von oben‹ nur das Vernünftige wollte, war das volle Zustimmen dazu ›von unten‹ nur vernünftig). Und so waren Wahlen keine Wahlen mehr, sondern so etwas wie periodisch erneuerte Eheversprechen zwischen – ganz paternalistisch – unten und oben. – Und so war abzusehen (wie es denn in Ehen zu Zeiten kommen mag), dass eine Situation eintritt, die Lenin als ›revolutionär‹ gekennzeichnet hat, nämlich dass die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen...«
Steffen Dietzsch, War der Staat illegitim? In: Denkfreiheit. Über Deutsche und von Deutschen, Leipzig (Leipziger Universitätsverlag) 2016, S. 285f.

Um sich ein Bild zu machen, in welchen Verhältnissen man lebt oder wohin die Reise geht, sollte man nicht die ewig schweigende Zukunft, geschweige denn eine zurechtgemachte Utopie befragen, sondern die untergegangenen Zivilisationen der Vergangenheit. Dummheit zimmert daraus die schnelle Analogie, die Vernunft bleibt zurück und gerät ins Grübeln.

Keine Kommentare: