Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne auf Globkult

Illusions perdues. Ältere Einträge

Dienstag, 10. Januar 2017

Albtraum einer Kanzlerin

Dimitri Vojnov: Albtraum einer Kanzlerin

Kunst, in ihren schlagenden Momenten, hat es mit Leuten zu tun, die niemand kennt, solange sie nicht in diesen blinden Spiegeln auftauchen, als stammten sie aus dem Nirgendwo und wünschten sogleich dorthin zurückzukehren. Wenn Künstler sich mit bekannten Zeitgenossen beschäftigen, dann stellen sie aus: Der da, gleich neben der da, den kenne ich doch? Ach, der Name, vergessen, wohin? Also die hier kenne ich wirklich, das sind ja...! Was machen die da? Was haben sie überhaupt da zu suchen? – Der Albtraum einer regierenden Kanzlerin ist, wie Vojnov richtig, wenngleich ohne Worte, bemerkt, mit Vorgängern bevölkert, die ihre Bewährungsproben absolviert haben, ohne abzustürzen. Was mag das bedeuten? Wer deutet diese Gesichter? Wohin führt das? –
Die Frage nach dem Ausgang aus diesem Labyrinth von Handlungsreisenden stellt sich langsam und bohrend, ein kluges Bild stellt sie auf Dauer, wer immer es ansieht und im Gedächtnis behält, der weiß auf eine perfide Weise Bescheid. Man beachte die Nebenfiguren, die viel zu sagen hätten, aber schweigend im Raum stehen, nirgends angebunden, das unterscheidet sie von ihren realen Brüdern und Schwestern, die immerfort reden, aber stets irgendwie angebunden und daher nicht ganz vertrauenswürdig. Toten und Kunstfiguren traut einer unbesehen, sie sagen, was ist. Das meint nicht das Ergebnis einer Recherche, schlampig oder nicht, auch keine Polemik, die morgen von der Stange geholt werden kann, wie der Spiegel zu meinen vorgibt, sondern eine Realität, die sich den Diskursen ebenso beharrlich wie unverhältnismäßig entzieht. Sie sind alle da: Was soll das bedeuten? Nein, ich will das nicht. Die nicht und die nicht und den nicht und den auch nicht und all die Flaschen an den Wänden sowieso nicht – das alles schmeckt nach Aufwachen, nach Kater, nach dem Schluck danach: Wie wird er schmecken?