Montag, 5. Dezember 2016

Ins Horn gestoßen


Stoßen Sie niemals, ich bitte Sie: niemals ins gleiche Horn. Warum nicht? Es ist mit Sicherheit das falsche. Zum Beispiel war es in den vergangenen Monaten üblich, den dann doch republikanischen Präsidentschaftsbewerber der USA mit wüsten Schmähungen zu überziehen. Natürlich haben Sie mitgemacht. Jetzt kommt er ins Amt und Sie haben den Salat. »Aber die anderen auch!« rufen Sie entsetzt. »Was soll ich machen?« Ja die anderen. Habe ich es Ihnen nicht gesagt? Da schreiben sie sich die Finger wund, dass es eine Wonne ist. Worüber? Oder besser: womit? Mit jenem flauen Gefühl im Magen, das ihnen sagt, es ist vorbei, wenn sie die Kurve nicht kriegen: ein neuer Präsident! Der Führer der freien Welt! Vielleicht will er nicht führen, wer weiß das schon, aber er wird, ganz sicher, führen müssen. Und dann? Was verlangt das Lager der Geführten? Loyalität. Kritische Loyalität, gewiss, doch wer es mit der Kritik zu weit treibt, der ist schneller entsorgt als so ein Morgen graut. Graut Ihnen vor dem Morgen? Dann sind Sie auf dem richtigen Pfad.
Beruhigen Sie sich: Sie sind nicht allein mit Ihren Nöten. Sie haben doch Nöte, oder? Sie sind ein redlicher Mensch, kein Umfaller. Haben Sie sich eine Meinung erarbeitet, dann ist sie die Ihre, solange Sie reflexhaft darauf zurückkommen – ein komplexer Prozess, nicht leicht abzukürzen, dagegen hilft keine Willkür. Einer Ihrer Kollegen hat sich sein Dilemma redlich von der Seele geschrieben, in der ZEIT vom ersten Dezember, wohin sie gehört, blättern Sie nach. Was lesen Sie da? Schon die Überschrift lässt Sie erschauern. Erschauern Sie ungern? Lassen Sie sich Zeit. Allerdings nicht zuviel: auch die Zeit ist ein Krankmacher. Die jetzige ohnehin – sie läuft davon, schon bevor sie unter den Nägeln brennt, ein eigenartiges Phänomen, das beobachtet werden muss. »Donald Trump ist nicht normal« – so lautet der Titel, der Leser horcht auf und denkt sich: also doch nicht Hillary? Neue Fakten? Man soll sich nie zuviel denken, schon gar nicht vor einer Lektüre, doch in diesem Fall: nichts. Keine Fakten, keine Beobachtungen, keine Gedanken, jedenfalls keine eigenen, allenfalls eine schlechte Zusammenfassung von Trends und die zusammenfassende Sorge: Das läuft mir alles davon. »Sie« – die Kollegen – »machen einen schweren Fehler und ermöglichen erst die schleichende Normalisierung Trumps.« Trumps! »Gerade jetzt sollte alles auf Alarm stehen.«
Schon immer wünschte ich mir ein Wort, eine Bekräftigungsformel, die unter jeden Artikel gehörte, der’s in sich hat, ein »Ich habe gesprochen« oder dergleichen – es wurde gefunden: Trumps!
Worin besteht die Entdeckung des Schreibers? Es ist die ›kognitive Dissonanz‹: »Kein schönes Gefühl, sich einmal mühevoll festgelegt zu haben, und dann brechen immer mehr gegenläufige Informationen in die längst abgeschlossen geglaubte Wahrnehmung ein.« Noch regiert er nicht, dieser Herr Trumps!, woher die ›gegenläufigen Informationen‹ (die dann wohl irgendwie positive sein müssten)? Sehr einfach, Information ist das, was die Konkurrenz schreibt, und sie ist bereits ›gegenläufig‹. Ertappt auf dem Hasenfuß sozusagen, da kann einem schon übel werden, bevor einem anders wird. Anders wie? Wer das für lesenswert hält, möge zur Lektüre schreiten: »Zugegeben, der Mechanismus, sich komplexer Eindrücke zu erwehren, funktioniert in alle Richtungen.« Trumps!
Denken Sie sich etwas aus und ich gebe Ihnen darin Recht. Fühlen Sie sich jetzt besser? Hilft das gegen die üblen Verleumdungen, die meist mit L – wie Leumund – beginnen und irgendwo enden, wo Sie noch nie gewesen sind? Ihnen klingt das Wort Lügenpresse im Ohr, ich weiß, Sie wiederholen es zwanghaft, als wollten Sie sich dagegen schützen, dass andere es gegen Sie verwenden. Aber sind Sie überhaupt gemeint? Sind Sie sicher, dass Sie gemeint sind? Überhaupt: wer verwendet das Wort noch außer Ihnen und Ihresgleichen und ein paar trüben Tassen, denen der Witz … abgeht? Hat der Feind nicht bereits andere Wortfelder erobert und grinst zurück? Sind Sie nicht längst unter sich? Nein, Sie können sich dagegen nicht schützen, nachts steigt es in Ihnen auf:
Heut nacht im Traum sah ich Finger, auf mich deutend
Wie auf einen Aussätzigen.
So steht’s bei Brecht. Merken Sie sich das! Was, Sie wussten es längst? Soviel Versmaß hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Nicht nach diesem Gespräch. Sie sagen ja nichts. Wissen Sie, was Sie sind? Ein Dröhnwisperer! Sie dröhnen mir hier die Ohren voll und was ich höre, ist nur Gewisper. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrem Kollegen. Der weilt schon in Wien.

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