Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne für Globkult

Illusions perdues

Donnerstag, 9. Juni 2016

Deal and run!

»Der Armeniendeal spaltet die ganze Gesellschaft. Von rechtsaußen bis linksinnen: einig ist sich da keiner. Warum fasst der Bundestag solche Beschlüsse? Aus Trotz? Aus schlechtem Gewissen? Oder aus überbordendem gutem? Wahrscheinlich stimmt nichts von alledem. Was wissen wir über den Bildungshintergrund unserer Abgeordneten? Nichts. Oder sagen wir vorsichtig: sehr wenig. Ob einer zum Beispiel in Geschichte geschlafen hat, werden wir nie erfahren, und selbst wenn wir es ausschließen könnten, wüssten wir nicht, welche Lehrer er hatte. Lehrer! Das ist der Unterschied. Sie können einen Lehrer haben, bei dem Sie etwas lernen, und Sie können einen haben, der Sie alles verpassen lässt, auch wenn Sie aufpassen wie ein Luchs. Und ein Luchs müssen Sie schon sein, wenn Sie in den Bundestag kommen wollen. Sie müssen wissen, wann es sich ziemt, der Türkei auf die Füße zu treten, dass es knirscht, den Zeitpunkt müssen Sie abschätzen können, sonst haben Sie in so einem Gremium nichts zu suchen. Zum Wohle des Volkes! Andererseits: allzu helle müssen Sie dafür nicht sein, andere, die heller sind, helfen Ihnen schon auf die Beine. Solche Lichtgestalten braucht jedes Land, sonst sieht es düster aus. Wissen Sie, was ich mir gedacht habe? Die wahren Lichtbringer sind immer die anderen. Ein klein wenig religiöser Hintergrund kann nicht schaden, das hilft der Psyche, sich in fremde Kulturen hineinzudenken. Das Volk der Schuldiger als Möchtegern-Gläubiger, darauf muss man erst kommen. Jede Schuld trägt sich gemeinsam leichter, das ist ganz natürlich, da sieht man sich gern nach Schultern um, die noch frei sind. Und – sind sie denn frei? Mitnichten? Unser Volksvertreter ist schlau, sein Deal lautet: Helf ich deiner Schulter, hilfst du meiner Schulter. So denkt er sich das, bei all den Türken in diesem Land ein ganz plausibler Gedanke, wenn Sie mich fragen. Er trägt ja fröhlich Mitschuld, als Beigewicht wiegt sie praktisch nichts, das kann er schultern.«
So hörte ich diesen Morgen meinen Nachbarn tönen, er war vor die Tür getreten, um zu telefonieren – eine hässliche Angewohnheit, wenn Sie mich fragen, so weiß ich zwar, was er denkt, doch ich finde, er denkt zuwenig und schwätzt zuviel. Immerhin weiß ich nun, dass diese Resolution das Volk bewegt, und das ist viel. Wozu ... bewegt sie es? Es schien mir etwas wie Hohn in dieser Stimme zu liegen, nicht viel, aber vernehmlich, vielleicht auch nur Spott, darüber möchte ich nicht rechten. Sie, unsere Volksvertreter, wollen das Volk ja zum Nachdenken bringen, das ist ihr Anliegen, dafür wurden sie gewählt. Wenn, denkt so eine Abgeordnete vielleicht, die Türken draußen im Lande nicht über Geschichte nachdenken wollen, dann ist vermutlich ein wenig Nachhilfe angebracht. Ein kleiner Schuld-Diskurs mit doppeltem Boden und falschem Zungenschlag tut da Wunder. Auch eine diplomatische Entfremdung zwischen Ankara und der Regierung kann, wenn’s denn sein muss, nicht schaden, wir sind ohnehin verstimmt, dass unsere heitere Muse am Bosporus so wenig Anklang findet. Dann ist es aus mit der doppelten Loyalität! Jetzt rede ich schon fast wie mein Nachbar. Hört mir überhaupt jemand zu? Da haben sie halt das Lineal herausgeholt und dem Türken auf die Finger geklopft. Denn der Türke ist älter als so ein Jahrhundert und weiß schon, was er damals in unverbrüchlicher Schuldgemeinschaft mit uns verbrochen hat. Das nächste Mal gibt’s Onkel Sam eins auf die Finger, der wird schön bluten. Und erst die anderen! Sie kommen alle dran. Der deutsche Abgeordnete ist frei und er beschließt, was er will.