Zur Ökonomie der Illusion


Die Ökonomie der Illusion gebietet – ja, sie gebietet! –, die Rechte des Individuums, oder was der Einzelne dafür hält, herunter­zu­brechen auf das eine Recht der Selbsttäuschung: Nur diejenige Täuschung ist genehm, die im Gewand der Selbst­täuschung daherkommt, die dem Vorurteil schmeichelt, vor allem dem, Bescheid zu wissen. Jeder weiß Bescheid – dafür vergisst er viel. Die Ökonomie der Illusion und die des Vergessens sind eins.

Der Stand des Vergessens

Kolumne für Globkult

Illusions perdues

Donnerstag, 14. Januar 2016

Die Anpacker

Europas Hingabe an den Gedanken grenzenloser Machbarkeit beherrscht die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und sie erzeugt jenen Ozean des Grauens und der Vernichtung, auf den alle, die ihr lebend entrinnen konnten, wenn überhaupt, dann  nur mit dem unverbrüchlichen Entschluss »Nie wieder!« zurückblicken konnten. Alle? Offenbar nicht, die Spur der alten Hybris hüpft und zuckt über den Kontinent, der sich selbst der alte nennt, man muss nur genau hinsehen, um die Rinnsale eines Wahns, der sich im Großen und Ganzen verlaufen zu haben schien, in den Denkschulen und Denkroutinen neuer Eliten glitzern zu sehen.
Lange Zeit hatte dasselbe Europa, global gesprochen, nur wenig zu sagen, so musste sich niemand ernsthaft Sorgen um seine Geistesverfassung machen. Nach dem serbischen Vorspiel bedurfte es des Paukenschlags vom elften September 2001, um es, vorerst als getreuen Sancho Pansa an der Seite des großen Don, wieder erwachen zu lassen und Blitze zu schleudern: Schläge aus der Luft für alle, die sich der verhängten Weltordnung nicht fügen wollen und nicht über die Waffenarsenale verfügen, die nötig wären, um dergleichen wirksam abzuwehren oder sterbend den anderen auf den Tod zu treffen.
Nun ja, sie waren und sind dort, wo sie fallen, keineswegs ›Luftschläge‹, sondern tödliche Attacken auf tödliche Feinde oder feiernde Verwandte, auch Passanten leben gefährlich, sobald der Befreier sich freimacht. Sie greifen tief in das Leben der Staaten ein, der eine oder andere zerbricht darunter, tiefer jedoch in das Leben der Einzelnen, fast so tief oder tiefer als... Es wollen einem viele Kandidaten einfallen, darunter die prahlerisch bemühte Willkommenskultur im stolzen Aufnahmeland, zerborsten ›unter dem Eindruck der Ereignisse‹ einer Nacht, nachdem sie bereits vorher auf tönernen Füßen stand, die nun massenhaft Geflohene (um das Unwort ›Flüchtlinge‹ zu vermeiden) als kulturfremden Bodensatz dem Misstrauen alarmierter Bevölkerungen aushändigt. Nein, Europa wird ›dort‹ keine Ordnung schaffen, als Sancho nicht und nicht als Don, es sei denn eine, die, wie in Afghanistan oder im Irak gesehen, zerfällt, sobald der Aufpasser seine ›Kräfte‹ abzieht. Es wird auch ›hier‹ keine Ordnung schaffen, sondern die Unordnung mehren, sobald es versucht, den arbeits- und sittsamen Rahm fremder Länder abzuschöpfen, bloß weil seine eigene hochmotivierte Bevölkerung sich außerstande sieht, die Sache mit dem Nachwuchs zu regeln, und ihre Renten in Gefahr wähnt. Die Erbitterung der Menschen lässt sich nicht grenzenlos steigern, ohne dass sie irgendwann jede Grenze überschritte.  Nimm einem Menschen die Herkunft und du machst aus ihm eine Waffe. Fragt sich, in wessen Hand.
Jener Ozean bekommt, leise und lauter rauschend, wieder Zulauf und wen er noch nicht erfasst hat, der schaut lieber nicht hin. Aus dem »Nie wieder!« ist ein Zirpen geworden. Gleich daneben, wo es im Chor erschallt, darf der Betrachter relativ sicher sein: Es stehen weitere Metzeleien an. Das kennt die Welt und sie erinnert sich an die Ergebnisse. Die Welt ist nicht dumm. Sie weiß auch die Folgen zu würdigen, die ein aus heiterem Himmel erzwungener Systemwechsel mit sich bringt, durch den gewisse Leute über Menschen mit einem prallen Herkommen eine neue Kultur des Miteinander verhängen möchten. Wer Kultur anordnet, daheim oder in der Fremde, der kann lange warten. Wer aber den Abgrund aus Hass öffnet, der wird, auf dass ihm das Warten nicht zu lang werde, früher oder später von ihm verschlungen – es sei denn, er sitzt unerreichbar auf goldenen Stühlen und speist vergoldete Speisen von goldenen Tellern. Dann immerhin bleibt er, ein neuer Midas, womöglich der Nachwelt erhalten – als Monument des Schreckens und der Selbstüberhebung, schauerlich anzusehen, vor allem nachts, wenn die Polizei zur Vorsicht rät und Fremdheitsgefühle dem Pflaster entsteigen, unter dem noch immer der Strand... Sie wissen schon, das ist eine lange Geschichte.